OECD-Länder müssen soziale Mobilität stärker fördern

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Während seit den 1990er Jahren Einkommensungleichheit OECD-weit stetig zugenommen hat, ist auch die soziale Mobilität im OECD-Raum ins Stocken geraten. Wenn es Menschen am unteren Ende der Einkommensverteilung nicht mehr nach oben schaffen können, kann dies schwerwiegende soziale, wirtschaftliche und politische Konsequenzen haben. Dies geht aus dem OECD-Bericht »A Broken Social Elevator? How to Promote Social Mobility« hervor, der am 15. Juni 2018 veröffentlicht wurde.

Um die Dynamik der sozialen Mobilität über Generationen hinweg zu verdeutlichen, illustriert der Bericht anhand des gegenwärtigen Ungleichheitsniveaus und der generationenübergreifenden Einkommensmobilität in einer Modellrechnung, dass es in den untersuchten Ländern durchschnittlich etwa fünf Generationen dauert, ehe die Nachkommen einer armen Familie das Durchschnittseinkommen erreichen können. Die untersuchten Länder weisen hier allerdings große Unterschiede auf: Während der Wert für die nordischen Länder lediglich bei zwei bis drei Generationen liegt, beträgt er in Deutschland sechs und in einigen aufstrebenden Volkswirtschaften neun und mehr Generationen.

Jedes dritte Kind, dessen Vater Geringverdiener ist, wird ebenfalls Geringverdiener – in Deutschland 42%. Bei den restlichen zwei Dritteln beschränken sich die Aufstiegsmöglichkeiten hauptsächlich lediglich auf die nächsthöhere Einkommensgruppe.

»Zu viele Menschen fühlen sich zurückgelassen und ihre Kinder haben kaum Chancen, sozial aufzusteigen«, sagte Gabriela Ramos, OECD-Chief of Staff und G20-Sherpa, die auch die Initiative zu Inklusivem Wachstum der OECD leitet. »Wir müssen sicherstellen, dass jeder die Chance hat, erfolgreich zu sein, insbesondere die am stärksten Benachteiligten«.

Über die Generationen hinweg ist die Einkommensmobilität in Ländern mit hoher Einkommensungleichheit schwächer ausgeprägt als in Ländern mit geringer Ungleichheit. Den nordischen Ländern gelingt es, geringe Ungleichheit mit hoher sozialer Mobilität zu kombinieren, während die lateinamerikanischen Länder und einige aufstrebende Volkswirtschaften sowohl eine hohe Ungleichheit als auch geringe Aufstiegsmöglichkeiten aufweisen.

Während für viele Menschen, die zwischen 1955 und 1975 geboren wurden, und deren Eltern einen geringen formalen Bildungsstand hatten, noch ein hohes Maß an Einkommensmobilität eine Realität war, stagniert diese für die nach 1975 Geborenen.

In einem Zeitraum von vier Jahren schaffen es 60 Prozent der Menschen in der Einkommensgruppe der unteren 20 Prozent nicht, in eine höhere Einkommensgruppe zu gelangen. Gleichzeitig verbleiben 70 Prozent der Menschen in den oberen 20 Prozent in dieser Einkommensgruppe – in Deutschland ist dieser Anteil von 68% in den 1990er Jahren auf nun 74% gestiegen. In den Haushalten der Mittelschicht fiel jeder siebte, und in den Haushalten nah an den unteren 20 Prozent jeder fünfte in die unteren 20 Prozent.

Um die soziale Mobilität zu erhöhen, sollten die Länder ihre Investitionen in Bildung, insbesondere in jungen Jahren, erhöhen. Zudem sollten Politikmaßnahmen in den Bereichen Gesundheit und Familien ergriffen werden, die gerechtere Bedingungen für benachteiligte Kinder schaffen, damit sich die Auswirkungen finanzieller Ungleichheiten in Zukunft abschwächen.

Darüber hinaus tragen ein guter Zugang zu bezahlbarem Wohnraum, öffentlichen Verkehrsmitteln und eine verbesserte Stadtplanung dazu bei, regionale Unterschiede und die Konzentrationen benachteiligter Haushalte in den Städten zu verringern.

Weiterhin sind der Kampf gegen Steuerhinterziehung bei Erbschaften und Schenkungen sowie die Gestaltung progressiver Steuersysteme mit angemessenen Freibeträgen und Steuersätzen und reduzierten Ausnahmen wichtig, um soziale Aufstiegschancen zu ermöglichen. Außerdem sollten die sozialen Sicherheitsnetze gestärkt, und vermehrt Angebote zur Weiterbildung gemacht werden. Eine Verknüpfung von Sozialansprüchen mit einzelnen Personen und nicht mit einzelnen Arbeitsplätzen würde Menschen, insbesondere Geringverdienern, dabei helfen, mit einem Verlust ihres Arbeitsplatzes besser umzugehen.

  

 

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