KI im Klassenzimmer: Technikfokus statt Lernenden-Perspektive

KI im Schulunterricht(c) Nach eigenen Vorgaben erstellte und manuell bearbeitete KI-Abbildung

Forschung zu KI im Unterricht verfehlt oft ihr eigentliches Ziel

Der Einsatz generativer Künstlicher Intelligenz im Unterricht wächst rasant. Doch die begleitende Bildungsforschung setzt vielfach an der falschen Stelle an.

Eine aktuelle Übersichtsarbeit aus der Mathematikdidaktik zeigt, dass sich die Forschung zu KI im MINT-Unterricht überwiegend auf technische Systeme konzentriert – und zu wenig auf die Bedürfnisse, Kompetenzen und Entwicklung junger Menschen.

Die Studie analysiert systematisch, wie KI bislang im schulischen MINT-Kontext erforscht wird. Das Ergebnis fällt deutlich aus: Die Frage, wie KI zur ganzheitlichen Bildung beitragen kann, bleibt häufig unbeantwortet.

Technik dominiert die Forschungsagenda

Untersucht wurden 183 wissenschaftliche Publikationen aus dem Bereich der Sekundarstufe. Ein Großteil der Arbeiten befasst sich mit der Leistungsfähigkeit von KI-Systemen oder mit der Entwicklung neuer Tools. Die Auswirkungen auf Lernende und Lehrkräfte stehen deutlich seltener im Mittelpunkt.

Rund 35 Prozent der Studien analysieren vor allem die Funktionsweise und Qualität von KI-Anwendungen. Weitere 22 Prozent widmen sich der technischen Weiterentwicklung entsprechender Systeme. In etwa der Hälfte der empirischen Untersuchungen werden ausschließlich von KI erzeugte Inhalte betrachtet – ohne zu prüfen, wie diese im Unterricht tatsächlich genutzt werden oder welche Effekte sie bei Schüler*innen und Lehrkräften entfalten.

Diese technikzentrierte Perspektive birgt Risiken. Pädagogische Fragestellungen geraten aus dem Blick, wenn KI primär als Objekt technischer Optimierung verstanden wird.

Menschliches Gedeihen als Maßstab für Bildung

Als normativer Bezugsrahmen dient der Studie das Konzept des »Human Flourishing«, auf Deutsch meist als »menschliches Gedeihen« bezeichnet. Gemeint ist eine Bildung, die junge Menschen befähigt, ein selbstbestimmtes, sinnvolles Leben zu führen und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

Bildung wird dabei nicht auf messbare Leistungszuwächse reduziert. Vielmehr geht es um die Entwicklung der gesamten Persönlichkeit. Genau hier zeigt die Analyse erhebliche Forschungslücken.

Nicht-kognitive Kompetenzen bleiben unterbelichtet

Die bisherige Forschung fokussiert sich stark auf kognitive Lernziele. Kaum untersucht wird, wie KI Motivation, Selbstvertrauen, kritisches Denken oder ethisches Urteilsvermögen beeinflusst. Diese sogenannten nicht-kognitiven Fähigkeiten gelten jedoch als zentral für Bildung in einer digital geprägten Gesellschaft.

Auch ethische Fragen spielen in der Forschung eine überraschend geringe Rolle. Themen wie algorithmische Voreingenommenheit, Transparenz von KI-Systemen oder Datenschutz sind für den schulischen Alltag hoch relevant, werden aber selten systematisch analysiert.

Forschung aus dem Globalen Norden dominiert

Ein weiteres Ergebnis betrifft die geografische Verteilung der Studien. Knapp drei Viertel der untersuchten Publikationen stammen aus dem Globalen Norden, rund 30 Prozent allein aus den USA. Bildungskontexte aus anderen Weltregionen sind deutlich unterrepräsentiert.

Dies erhöht die Gefahr, dass KI-Konzepte entwickelt werden, die kulturelle Vielfalt, unterschiedliche Bildungssysteme und soziale Rahmenbedingungen nicht ausreichend berücksichtigen.

Zusammenarbeit von Lehrkraft und KI statt Ersatz

Als Perspektive für die Praxis skizziert die Studie ein Kooperationsmodell zwischen Lehrkräften und KI. KI-Systeme können demnach unterstützende Aufgaben übernehmen, etwa bei der Erstellung von Übungsaufgaben oder bei ersten Entwürfen für Unterrichtsplanungen.

Die pädagogische Verantwortung verbleibt jedoch bei der Lehrkraft. KI-generierte Inhalte müssen fachlich geprüft, didaktisch eingeordnet und an die konkrete Lerngruppe angepasst werden. Auf diese Weise kann Arbeitsentlastung entstehen, ohne die professionelle Autonomie von Lehrkräften zu untergraben.

Mehr Forschung mit Blick auf junge Menschen nötig

Die zentrale Schlussfolgerung der Studie lautet: KI-Forschung im Bildungsbereich muss den Menschen konsequent in den Mittelpunkt stellen. Entscheidend ist nicht, was technologisch möglich ist, sondern was junge Menschen benötigen, um in einer von KI geprägten Welt handlungsfähig, kritisch und verantwortungsvoll zu bleiben.

Weitere Forschung sollte daher stärker die langfristigen Bildungsziele, ethischen Dimensionen und sozialen Kontexte berücksichtigen – und KI als pädagogisches Mittel, nicht als Selbstzweck verstehen.

Originalpublikation:
Generative artificial intelligence in secondary STEM education in the light of Human Flourishing: a scoping literature review. Alissa Fock & Hans-Stefan Siller. *International Journal of STEM Education*. 


  VERWEISE  

 Audio-Besprechung dieses Artikels


Ähnliche Themen in dieser Kategorie

17.11.2025

Bildungserwartungen entstehen im Kontext Eine neue Studie der Bergischen Universität Wuppertal zeigt: Das Leistungsniveau einer Schulklasse beeinflusst, wie hoch Eltern die Zukunft ihrer Kinder einschätzen. Besonders Eltern mit Einwanderungsgeschichte setzen häufig ehrgeizige …

05.11.2025

Carl-Zeiss-Stiftung investiert 18 Millionen Euro Die Carl‑Zeiss‑Stiftung finanziert drei neue Forschungsprojekte mit insgesamt 18 Millionen Euro. Ziel ist es, KI‑Modelle so weiterzuentwickeln, dass sie Umwelt‑ und Klimadaten präziser erfassen und interpretieren. Davon sollen …

13.10.2025

Wie Inklusion an weiterführenden Schulen gelingt – und wo sie an Grenzen stößt Die gesetzliche Verpflichtung zur Inklusion, also zum gemeinsamen Lernen von Schülerinnen und Schülern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf, zählt zu den größten Herausforderungen im …

30.09.2025

Wissenstransfer stärken: Neue Formate und Anreize nötig Das CHE Centrum für Hochschulentwicklung hat in einer aktuellen Untersuchung umfassende Empfehlungen vorgelegt, wie der Wissenstransfer zwischen Hochschulforschung und Hochschulmanagement effektiver gestaltet werden …

.
Oft gelesen...