Stagnation statt Aufbruch: Die Entwicklung der betrieblichen Weiterbildung in Deutschland

Themenkreis Weiterbildung und Lernen (Symbolbild)

IAB-Studie: Die verpasste Chance der betrieblichen Qualifizierung

Das Niveau der betrieblichen Weiterbildung in Deutschland bleibt auch im Jahr 2025 signifikant hinter den Werten der Zeit vor der Corona-Pandemie zurück.

Zwar ist nach dem massiven Einbruch der Krisenjahre 2020 und 2021 eine schrittweise Erholung zu verzeichnen, doch die anhaltende konjunkturelle Schwäche dämpft die Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Während im ersten Halbjahr 2019 noch 55 Prozent der Betriebe Weiterbildungsmaßnahmen förderten, lag dieser Anteil im Vergleichszeitraum 2025 lediglich bei 45 Prozent.

Dies zeigen aktuelle Auswertungen des »IAB-Betriebspanels«, einer großangelegten, repräsentativen Arbeitgeberbefragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Wirtschaftslage beeinflusst Qualifizierungsstrategien

Die Analysen von Ute Leber et al. deuten darauf hin, dass die gegenwärtige wirtschaftliche Unsicherheit zwei gegensätzliche Effekte auf das Weiterbildungsgeschehen hat. Einerseits böten auftragsarme Zeiten theoretisch zeitliche Spielräume für Qualifizierungen. Andererseits erschwere eine verschlechterte Ertragslage die Finanzierung dieser Maßnahmen.

In der Abwägung scheinen derzeit die Risiken zu überwiegen. Es ist festzustellen, dass Betriebe bei unklaren Zukunftsaussichten befürchten, Investitionen in das Personal könnten sich nicht amortisieren, falls qualifizierte Fachkräfte das Unternehmen verlassen müssten.

Strukturelle Unterschiede nach Betriebsgröße und Branche

Die Bereitschaft zur Förderung von Weiterbildung ist stark von der Betriebsgröße abhängig. Während fast alle Großbetriebe mit mehr als 500 Beschäftigten (93 Prozent) Qualifizierungen unterstützen, ist dies bei Kleinstbetrieben mit weniger als zehn Mitarbeitenden nur bei etwa einem Drittel der Fall (35 Prozent).

Auffallend sind zudem die sektoralen Disparitäten: Im Bereich Erziehung und Unterricht sowie im Finanz- und Versicherungswesen ist die Weiterbildungsintensität besonders hoch. Im Gegensatz dazu weist die Gastronomie mit einer Förderquote von 14 Prozent den geringsten Wert auf.

Partizipation und die Schließung der Qualifizierungslücke

Auf Ebene der Beschäftigten zeigt sich eine leichte Belebung. Die Teilnahmequote stieg im ersten Halbjahr 2025 auf 31 Prozent an, womit sie über dem Vorjahreswert liegt, aber weiterhin unter den 36 Prozent aus dem Jahr 2019 verbleibt.

Ein positiver Trend lässt sich bei der sozialen Teilhabe beobachten. Wie aktuelle Forschungsberichte darlegen, hat sich der Abstand zwischen verschiedenen Anforderungsprofilen verringert. Zwar bilden sich Personen in qualifizierten Tätigkeiten mit 36 Prozent weiterhin deutlich häufiger weiter als jene in einfachen Tätigkeiten (20 Prozent), doch ist die Partizipationsrate bei geringer Qualifizierten im Vergleich zum Vorkrisenniveau stabiler geblieben.

Entwicklung der betrieblichen Weiterbildung 2015 2025

Herausforderungen und politischer Rahmen

Trotz verstärkter politischer Initiativen, wie dem »Qualifizierungschancengesetz« oder dem »Gesetz zur Stärkung der Aus- und Weiterbildungsförderung«, bleibt der Anpassungsdruck hoch. Der demografische Wandel und die digitale Transformation erfordern eine kontinuierliche Anpassung der Kompetenzen.

Fachleute wie Ute Leber weisen darauf hin, dass individuelle Barrieren und ein Mangel an Information gerade bei Geringqualifizierten die Inanspruchnahme von Angeboten hemmen können. Für die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland ist es daher entscheidend, die betriebliche Weiterbildung als strategisches Instrument zur Fachkräftesicherung weiter zu stärken und den Zugang für alle Beschäftigtengruppen zu erleichtern.

Zusammenfassung in Thesenform

  • Das Niveau der betrieblichen Weiterbildung liegt trotz Erholungstendenzen weiterhin unter dem Vorkrisenwert von 2019.
  • Die angespannte Wirtschaftslage führt dazu, dass Betriebe Investitionen in die Personalentwicklung trotz freier Zeitkapazitäten zurückhalten.
  • Großbetriebe sowie der Bildungs- und Finanzsektor weisen die höchste Weiterbildungsaktivität auf.
  • Frauen nehmen aufgrund struktureller Faktoren in ihren Branchen etwas häufiger an Qualifizierungen teil als Männer.
  • Die Weiterbildungslücke zwischen qualifizierten und einfachen Tätigkeiten verringert sich, bleibt jedoch substanziell bestehen.
  • Staatliche Förderprogramme konnten den konjunkturbedingten Rückgang der Weiterbildungsquoten bislang nicht vollständig ausgleichen. 

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