GenKI in der Ausbildung: Effizienzgewinn oder Kompetenzverlust?

Themenkreis Wissenschaft und Forschung (Symbolbild)

Ambivalenz der Algorithmen: Ergebnisse zur KI-Nutzung an schweizerischen Berufsschulen

Die Integration generativer Künstlicher Intelligenz (GenKI) in den Unterricht an Berufsfachschulen führt zu einer ambivalenten Wahrnehmung des Lernerfolgs. Während Lernende bei häufiger Nutzung subjektiv von verbesserten Lernergebnissen berichten, deutet die Datenlage gleichzeitig auf eine Abnahme des tatsächlichen Lernaufwands durch unzulässige Hilfsmittel hin.

Eine aktuelle Untersuchung der Universität Zürich und der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung (EHB) an fünf Schweizer Berufsfachschulen zeigt auf, dass der Bildungserfolg maßgeblich davon abhängt, ob die Technologie zur kognitiven Aktivierung oder lediglich zur Entlastung von Denkprozessen eingesetzt wird.

Spannungsfeld zwischen Effizienz und Kompetenzerwerb

Im Zentrum der pädagogischen Debatte steht das Phänomen des »kognitiven Offloading«. Damit ist die Delegation essenzieller Denkaufgaben an externe Werkzeuge wie Large Language Models (LLMs) gemeint. Die Studie verdeutlicht, dass eine rein produktivitätsorientierte Nutzung oft mit einem verringerten kognitiven Engagement einhergeht. Lernende leisten in diesen Fällen zwar quantitativ mehr, erwerben jedoch weniger tiefgreifende Kompetenzen.

Demgegenüber stehen Ansätze, die GenKI gezielt zur Förderung kritischen Denkens einsetzen. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Förderung von Selbstwirksamkeit – also der Überzeugung, Herausforderungen aus eigener Kraft zu bewältigen – eng mit einer kritisch-reflexiven Vermittlung durch die Lehrpersonen verknüpft ist.

Strukturelle Ungleichheiten und Geschlechterkluft

Ein wesentlicher Befund der Untersuchung betrifft die Reproduktion der digitalen Geschlechterkluft. Es zeigen sich signifikante Unterschiede in der Nutzung und Wahrnehmung der Technologie: Während männliche Lernende eine höhere Selbstwirksamkeit im Umgang mit technischen Aspekten aufweisen, zeigen sich weibliche Lernende oft sensibler für ethische Implikationen und gesellschaftliche Folgen.

Problematisch erscheint zudem, dass junge Frauen im schulischen Kontext häufiger mit restriktiven, bewahrenden pädagogischen Ansätzen konfrontiert werden, während bei jungen Männern eher kreativ-produktive Methoden dominieren. Dies birgt die Gefahr, bestehende Ungleichheiten in der Arbeitswelt weiter zu festigen.

Notwendigkeit einer modernen Medienpädagogik

Um den Herausforderungen zu begegnen, ist eine Neuausrichtung der Bildungsinstitutionen erforderlich. Der Fokus sollte verstärkt auf Medienkunde und Medienkritik liegen. Medienkunde umfasst das Verständnis der technischen Grundlagen und Strukturen von KI-Systemen. Medienkritik befähigt dazu, Inhalte sowie deren gesellschaftliche Rahmenbedingungen analytisch zu reflektieren.

Ein rein restriktiver Umgang, etwa durch Verbote, erweist sich laut der Studie als wenig effektiv für die Entwicklung eines verantwortungsvollen Umgangs. Vielmehr wird ein pädagogisches Modell benötigt, das technische Versiertheit mit einer ethischen Reflexion verbindet, um die Chancengerechtigkeit in der digitalen Transformation zu wahren.

Bibliographie
Consoli, T., Petko, D., Gonon, P., & Cattaneo, A. (2026). Herausforderungen bei der Integration generativer Künstlicher Intelligenz in die Berufsbildung. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11 (5). 


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