Geringe Inanspruchnahme von Bildungsurlaub trotz Rechtsanspruch

Themenkreis Weiterbildung und Lernen (Symbolbild)

Bildungsurlaub: Anspruch vorhanden, Nutzung minimal

Millionen Beschäftigte in Deutschland haben einen gesetzlichen Anspruch auf Bildungsurlaub. Dennoch bleibt die tatsächliche Nutzung verschwindend gering.

Nach aktuellen Angaben der Deutschen Presse-Agentur (verööfentlicht im Handelsblatt vom 01.01.2026) nutzen in vielen Bundesländern weniger als ein Prozent der Anspruchsberechtigten diese Form der beruflichen oder politischen Weiterbildung.

Damit klafft eine deutliche Lücke zwischen dem formalen Recht auf Bildungsfreistellung und der gelebten Weiterbildungspraxis. Das ist umso problematischer, als lebenslanges Lernen als zentrale Voraussetzung für Beschäftigungsfähigkeit – Stichwort »Employability« – gilt.

Föderale Unterschiede prägen das Bild

Die rechtlichen Grundlagen für Bildungsurlaub werden von den Bundesländern geregelt. Entsprechend uneinheitlich ist die Situation. In 14 der 16 Länder existieren gesetzliche Ansprüche auf Bildungsfreistellung. Sachsen bereitet derzeit eine entsprechende Regelung vor. Bayern bleibt das einzige Bundesland ohne gesetzlichen Anspruch oder konkrete Planungen.

Üblicherweise umfasst der Anspruch fünf Arbeitstage pro Jahr. In einigen Ländern ist es möglich, den Anspruch über zwei Jahre zu bündeln. Trotz dieser Spielräume bleiben die Nutzungsquoten niedrig. Niedersachsen erreicht mit 1,45 Prozent im Jahr 2023 einen vergleichsweise hohen Wert. Hessen liegt mit 0,68 Prozent und Schleswig-Holstein mit 0,63 Prozent deutlich darunter. Rheinland-Pfalz kommt über einen Zweijahreszeitraum auf 1,8 Prozent.

Insgesamt zeigen die Zahlen, dass Bildungsurlaub selbst dort selten genutzt wird, wo die gesetzlichen Rahmenbedingungen vergleichsweise großzügig sind.

Hemmnisse im Betrieb und fehlende Information

Als zentrale Gründe für die geringe Inanspruchnahme gelten strukturelle und kulturelle Barrieren. Vielen Beschäftigten sind ihre Rechte schlicht nicht bekannt oder nur unzureichend vertraut. Hinzu kommen betriebliche Hemmschwellen. Arbeitnehmende befürchten mögliche Konflikte mit Vorgesetzten oder eine zusätzliche Belastung für Kolleg*innen während ihrer Abwesenheit.

Diese Zurückhaltung hat bildungspolitische Konsequenzen. Fachwissen verliert in vielen Branchen zunehmend schneller an Aktualität. Wird kontinuierliche Weiterbildung nicht systematisch genutzt, steigt das Risiko einer schleichenden Dequalifizierung. Langfristig kann dies sowohl individuelle Erwerbsbiografien als auch die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts beeinträchtigen.

Lernkultur als Schlüssel zur höheren Beteiligung

Fachleute sehen Unternehmen in einer zentralen Rolle, um die Nutzung von Bildungsurlaub zu stärken. Entscheidend sei der Aufbau einer positiven Weiterbildungskultur. Bildungsurlaub dient nicht der zusätzlichen Erholung, sondern eröffnet Räume für fachliche, persönliche und gesellschaftliche Entwicklung. Das Spektrum reicht von Sprachkursen über politische Bildung bis hin zu Angeboten zu mentaler Gesundheit und Resilienz.

Unterstützende Instrumente wie Qualifizierungsschecks, klare betriebliche Regelungen und eine transparente Kommunikation über den Nutzen für Beschäftigte und Organisationen können Hemmnisse abbauen. Investitionen in Weiterbildung gelten als strategische Voraussetzung für motivierte, loyale und zukunftsfähige Belegschaften in einer sich dynamisch wandelnden Arbeitswelt. 


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