Einstellungen zum Lebenslangen Lernen in der Bevölkerung

Themenkreis Weiterbildung und Lernen (Symbolbild)

Finanzielle Hürden und Informationsdefizite bremsen die Weiterbildung in Deutschland

Subjektive Einstellungen, die soziale Herkunft sowie ein ausgeprägter Mangel an Wissen über rechtliche Ansprüche bestimmen maßgeblich, ob Menschen in Deutschland an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen.

Eine aktuelle Studie der Justus-Liebig-Universität Gießen und der Hans-Böckler-Stiftung verdeutlicht, dass das Interesse an lebenslangem Lernen zwar breit verankert ist, die tatsächliche Beteiligung jedoch oft an strukturellen Barrieren scheitert. Besonders auffällig ist die Diskrepanz zwischen dem vorhandenen Lerninteresse bei älteren Personen sowie Menschen mit Migrationshintergrund und deren tatsächlicher Einbindung in formale Angebote.

Strukturelle Ungleichheit und das »Matthäusprinzip«

Die Studie bestätigt die Fortdauer des sogenannten »Matthäusprinzips«, wonach Personen mit bereits hohem Bildungsniveau und solidem Einkommen überproportional häufig von weiteren Bildungsangeboten profitieren.

Sowohl die schulischen als auch die beruflichen Abschlüsse fungieren als zentrale Prädiktoren für eine positive Einstellung gegenüber dem Lernen. Während Personen in wirtschaftlich gesicherten Positionen Weiterbildung oft als Bereicherung erleben, empfinden Geringqualifizierte häufiger Skepsis gegenüber traditionellen Lernsettings, was oft auf negative frühere Bildungserfahrungen zurückzuführen ist.

Die zentrale Rolle von Finanzierung und Zeit

In der Bevölkerung herrscht ein breiter Konsens darüber, dass die finanzielle und zeitliche Verantwortung für Qualifizierungen primär bei Arbeitgeber*innen und dem Staat liegt. Eigeninvestitionen werden insbesondere von Geringverdienenden und Frauen kritisch gesehen, da diese Gruppen häufiger mit privaten Finanzlasten oder unbezahlter Sorgearbeit, der sogenannten »Care-Arbeit«, konfrontiert sind.

Vignettenanalysen – eine Methode, bei der Befragte hypothetische Szenarien bewerten – zeigen, dass die Teilnahmerahmenbedingungen wie die Durchführung während der Arbeitszeit und die vollständige Kostenübernahme durch Dritte die stärksten Anreize für eine Teilnahme setzen.

Bildungszeit: Wissenslücken bei Rechtsansprüchen

Ein kritisches Ergebnis der Untersuchung ist der eklatante Informationsmangel bezüglich der Bildungszeitgesetze. Nur rund 34 Prozent der Befragten wissen korrekt über die Existenz eines Rechtsanspruchs auf Bildungsfreistellung in ihrem jeweiligen Bundesland Bescheid. Diese Unkenntnis führt dazu, dass bestehende Fördermöglichkeiten nicht ausgeschöpft werden.

Bildungspolitisch wird daher empfohlen, nicht nur die finanzielle Attraktivität von Programmen zu steigern, sondern auch gezielte Informationskampagnen zu initiieren, um insbesondere benachteiligte Gruppen über ihre Rechte aufzuklären.

Wissenschaftliche Ansprechpartner
Prof. Dr. Bernd Käpplinger
Professur für Weiterbildung
Institut für Erziehungswissenschaft
E-Mail: bernd.kaepplinger@erziehung.uni-giessen.de

Originalpublikation
Käpplinger, B., Reuter, M., Dietz, C., Bilger, F. & Reimer, R. (2026). Einstellungen zum Lebenslangen Lernen in der Bevölkerung – Sichtweisen auf Weiterbildung, Teilnahme an Weiterbildung. Working Paper 392. Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf 


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