Zukunftsfrage Digitalisierung: Wer nimmt die Älteren mit?
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Digitale Teilhabe entscheidet über gesellschaftliche Inklusion
Digitale Teilhabe ist zur Voraussetzung für soziale, wirtschaftliche und demokratische Mitwirkung geworden. Zentrale Alltagsleistungen – vom Deutschlandticket über Behördengänge bis zur medizinischen Versorgung – sind zunehmend digital organisiert oder ausschließlich online verfügbar.
Für ältere Menschen bedeutet das: Ohne Internetzugang und digitale Handlungskompetenz gerät die selbstbestimmte Lebensführung unter Druck. Digitale Souveränität im Alter ist damit kein individuelles Extra, sondern Teil staatlicher Daseinsvorsorge.
Internetnutzung der Generation 65+: Deutlicher Anstieg, aber kein Durchbruch
Die Internetnutzung der über 65-Jährigen ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Während 2014 nur 38 Prozent dieser Altersgruppe online waren, lag der Anteil 2020 bei 48 Prozent. Im Jahr 2026 nutzen rund 74 Prozent der älteren Bevölkerung das Internet. Damit hat sich die Nutzung innerhalb von zwölf Jahren nahezu verdoppelt.
Gleichzeitig bleibt eine relevante Minderheit dauerhaft ausgeschlossen: 26 Prozent der Generation 65+ sind weiterhin offline. Angesichts der demografischen Entwicklung entspricht dies mehreren Millionen Menschen. Frühere Berechnungen des Statistischen Bundesamtes wiesen bereits 2021/2022 zwischen 3,4 und 3,8 Millionen sogenannte Offliner aus. Die Vergleichbarkeit älterer Zeitreihen ist allerdings eingeschränkt, da die IKT-Erhebung seit 2021 in den Mikrozensus integriert ist.
Der Gesamttrend verdeckt somit strukturelle Lücken, die sozialpolitisch hoch relevant bleiben.
Alters- und Geschlechtereffekte verstärken die digitale Kluft
Die digitale Spaltung verläuft zunehmend innerhalb der Gruppe der Älteren. Besonders deutlich zeigt sich ein altersbezogenes Gefälle:
- In der Altersgruppe von 65 bis 69 Jahren liegt die Internetnutzung bei nahezu vollständigen 98 Prozent.
- Bei den 70- bis 74-Jährigen sinkt der Anteil auf 85 Prozent.
- In der Gruppe der 75- bis 79-Jährigen sind nur noch 64 Prozent online.
- Ab 80 Jahren fällt die Nutzungsquote auf 49 Prozent.
Mit zunehmendem Alter wird digitale Teilhabe damit zur Ausnahme. Diese Entwicklung hat direkte Folgen für Versorgungssicherheit, soziale Teilhabe und Informationszugang.
Hinzu kommt ein stabiler Gender Gap. Männer der Generation 65+ sind zu 78 Prozent online, Frauen nur zu 70 Prozent. Diese Differenz ist häufig Ausdruck historischer Bildungs- und Erwerbsbiografien. Regionale Analysen zeigen zudem erhebliche Unterschiede zwischen Stadtteilen und Kommunen. Offliner-Quoten schwanken lokal stark und hängen eng mit sozioökonomischen Rahmenbedingungen zusammen.
Digitale Kompetenz: Selbstbild und Realität klaffen auseinander
Die Selbsteinschätzung digitaler Fähigkeiten liefert ein differenziertes Bild. Ältere Menschen bewerten ihre digitale Kompetenz im Durchschnitt mit der Schulnote 3,2. Dabei schneiden die 65- bis 69-Jährigen mit 2,6 sogar besser ab als der Durchschnitt der 16- bis 64-Jährigen. Dieses Ergebnis verweist auf ein bislang unterschätztes Potenzial innerhalb der jüngeren Seniorenkohorten.
Mit steigendem Alter verschlechtert sich die Bewertung deutlich. Personen ab 80 Jahren vergeben im Schnitt die Note 3,7. Für viele Hochaltrige ist digitale Nutzung damit mit Unsicherheit und Überforderung verbunden.
Gründe für Nicht-Nutzung: Wissen, Sicherheit, fehlender Nutzen
Die Ursachen für digitale Exklusion sind vielfältig und überwiegend strukturell bedingt:
- 47 Prozent der Nicht-Nutzenden geben fehlende Kenntnisse als Hauptgrund an.
- 15 Prozent berichten zusätzlich vom Fehlen unterstützender Personen.
- 40 Prozent äußern Sicherheitsbedenken, insbesondere Angst vor Datenmissbrauch oder Schadsoftware.
- 41 Prozent sehen keinen persönlichen Nutzen in der Internetnutzung.
Besonders die Gruppe der Desinteressierten und Skeptiker gilt als schwer erreichbar. Häufig liegt dem kein tatsächlicher Desinteresse, sondern eine geringe Selbstwirksamkeitserwartung zugrunde. Klassische Bildungsangebote greifen hier nur begrenzt.
Unterstützungsstrukturen: Hoher Bedarf, geringe Abdeckung
Der Unterstützungsbedarf älterer Menschen ist nahezu flächendeckend. Rund 96 Prozent wünschen sich professionelle Hilfe bei digitalen Fragen. Die Realität ist davon weit entfernt. Die vorhandenen Angebote reichen nicht aus und sind häufig projektbasiert oder ehrenamtlich organisiert.
Erhebungen zeigen ein deutliches Missverhältnis zwischen Bedarf und Nutzung:
- 78 Prozent wünschen sich eine digitale Hotline, doch flächendeckende Angebote fehlen weitgehend.
- 66 Prozent halten Vor-Ort-Schulungen für sinnvoll, tatsächlich nutzen nur 16 Prozent entsprechende Kurse.
- 33 Prozent wünschen sich Hausbesuche durch digitale Lotsen, hier besteht ein massives Kapazitätsdefizit.
- 54 Prozent sind auf Familie oder Freundeskreis angewiesen, häufig mangels professioneller Alternativen.
Digitale Unterstützung verbleibt damit überwiegend im informellen Bereich. Fachleute sprechen von einem systemischen Marktversagen.
Professionalisierung als sozialpolitische Schlüsselaufgabe
Digitale Begleitung muss aus der Projektlogik herausgelöst und in reguläre Unterstützungsstrukturen integriert werden. Dazu zählen ambulante Pflege, aufsuchende Sozialarbeit und kommunale Altenhilfe. Ohne diese Professionalisierung bleibt der Zugang zu digitalen Dienstleistungen zufällig und sozial selektiv.
Besonders bei hochaltrigen Menschen ist individuelle, niedrigschwellige Unterstützung notwendig. Andernfalls droht eine weitere Verschärfung sozialer Ungleichheit.
KI, Alter und digitale Inklusion
Künstliche Intelligenz verstärkt die Bedeutung digitaler Kompetenz zusätzlich. Die Generation 65+ steht diesen Technologien ambivalent gegenüber:
- 52 Prozent haben bereits KI-Anwendungen genutzt.
- 81 Prozent sehen in der Digitalisierung grundsätzlich eine gesellschaftliche Chance.
- 46 Prozent verbinden mit KI Hoffnungen auf bessere Gesundheitsversorgung und längeres selbstständiges Wohnen.
- 29 Prozent können sich KI-gestützte Interaktion bei Einsamkeit vorstellen.
Gleichzeitig äußern 50 Prozent Ängste vor KI, und 61 Prozent empfinden die Anwendungen als zu komplex. Die Forderung nach politischem Handeln ist eindeutig: 91 Prozent erwarten staatliche Maßnahmen gegen digitale Ausgrenzung.
Resümee: Digitale Teilhabe ist öffentliche Verantwortung
Digitale Teilhabe im Alter entscheidet über Autonomie, soziale Integration und demokratische Beteiligung. Ohne den systematischen Ausbau professioneller Unterstützungsangebote droht eine dauerhafte digitale Spaltung innerhalb der älteren Bevölkerung. Die Befähigung der Generation 65+ ist damit eine zentrale Zukunftsaufgabe für eine inklusive Gesellschaft des langen Lebens.
Was jetzt zu tun ist
Die Analyse zeigt deutlich: Digitale Teilhabe im Alter entsteht nicht automatisch durch technischen Fortschritt. Sie ist das Ergebnis politischer Prioritätensetzung, institutioneller Verantwortung und professioneller Unterstützung. Entscheidend ist weniger die Frage des Netzzugangs als die der dauerhaften Befähigung.
Kurzfristig braucht es flächendeckende, leicht erreichbare Unterstützungsangebote. Digitale Hotlines, aufsuchende Hilfe und niedrigschwellige Schulungen dürfen nicht projektförmig bleiben, sondern müssen verlässlich finanziert werden. Besonders für hochaltrige Menschen sind individuelle Begleitung und Hausbesuche zentral, da standardisierte Kursformate hier an ihre Grenzen stoßen.
Mittelfristig ist eine strukturelle Verankerung digitaler Unterstützung in den Regelsystemen notwendig. Ambulante Pflege, Quartiersarbeit und kommunale Altenhilfe sollten digitale Kompetenzvermittlung als festen Bestandteil begreifen. Dafür braucht es Qualifizierung, Zeitbudgets und klare Zuständigkeiten. Ehrenamt kann ergänzen, aber professionelle Angebote nicht ersetzen.
Langfristig stellt sich die Frage nach digitaler Gerechtigkeit im demografischen Wandel. Mit der weiteren Verbreitung von KI, digitalen Gesundheitsanwendungen und automatisierten Verwaltungsprozessen wächst das Risiko, dass bestehende Ungleichheiten vertieft werden. Digitale Teilhabe wird damit zur Voraussetzung demokratischer Mitwirkung.
Die zentrale Botschaft lautet: Nicht die älteren Menschen müssen sich an eine digitalisierte Gesellschaft anpassen. Die Gesellschaft muss ihre digitalen Infrastrukturen so gestalten, dass sie auch im hohen Alter nutzbar, verständlich und unterstützbar bleiben.
Hintergrund
Dieser Text entstand in Bezug auf eine Bitkom-Studie (veröffentlicht am 15.01.2026) und bezieht frühere BildungsSpiegel-Artikel zu diesem Thema mit ein.
VERWEISE
- BITKOM: »Generation Silver Surfer: Drei Viertel der Seniorinnen und Senioren sind online« ...
- vgl.: »(N)onliner: Knapp 6 Prozent der Bevölkerung im Alter von 16 bis 74 Jahren in Deutschland sind offline« ...
- vgl.: »Digitale Teilhabe lässt ab 80 Jahren deutlich nach« ...
- vgl.: »Digitale Teilhabe Älterer: Unterstützungsbedarf höher als erwartet« ...
- vgl.: »DigitalPakt Alter: Digitale Teilhabe älterer Menschen stärken« ...
- vgl.: »Digitale Kompetenzen der älteren Generation: Hoher Handlungsbedarf« ....
- vgl.: »Offliner: 3,8 Millionen Menschen in Deutschland waren noch nie online« ...
- siehe auch: »Digitale Kompetenzen im Generationenvergleich: Warum Österreich vorangeht und Deutschland aufholen muss« ...
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