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OECD: Berlin muss lebenslanges Lernen umfassender fördern

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Berlin verfügt über ein breites Angebot an allgemeinen und erwerbsbezogenen Weiterbildungsmöglichkeiten für Erwachsene. Dennoch ist die Teilnahme an Weiterbildung im internationalen Vergleich gering und das Angebot eher unübersichtlich.

Eine umfassende Qualifizierungsstrategie würde helfen, klare Prioritäten zu setzen, etwa um allen Arbeitskräften grundlegende digitale Kompetenzen zu vermitteln. Dabei sollte Migrantinnen und Migranten sowie Solo-Selbstständigen besondere Beachtung geschenkt werden.

Dies sind die wesentlichen Ergebnisse der OECD-Studie Zukunftssichere Erwachsenen- und Weiterbildung in Berlin, die am Donnerstag gemeinsam mit der Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey vorgestellt wurde. So zeigt die Studie, dass in Berlin nur etwa jede oder jeder zehnte Erwachsene regelmäßig an Weiterbildung teilnimmt. In Städten wie Helsinki, Stockholm oder Zürich sind es dagegen über 30 Prozent der befragten 25- bis 64-Jährigen, die angeben, dass sie in den letzten vier Wochen an einer formellen oder informellen Weiterbildung außerhalb des Arbeitsplatzes teilgenommen haben.

Während in den meisten untersuchten Städten die Weiterbildungsbeteiligung in den Jahren vor der Coronakrise kontinuierlich gestiegen ist, stagniert sie in Berlin auf vergleichsweise niedrigem Niveau. In nationalen Erhebungen zu berufsbezogener Weiterbildung belegt Berlin unter den deutschen Bundesländern den letzten Platz. Gleichzeitig nimmt insbesondere in Berlin der Bedarf an Fachkräften mit guten IT-Kenntnissen kontinuierlich zu. Ende 2020 wurden solche Kompetenzen bei 33 Prozent der im Internet ausgeschriebenen Stellen erwartet, Anfang 2015 waren es nur 26 Prozent.

Entsprechend klagen immer mehr Arbeitgeber, dass sie offene Stellen nicht mit qualifizierten Bewerberinnen oder Bewerbern besetzen können. Dieser Fachkräfteengpass wirkt sich auch auf die Arbeitsproduktivität negativ aus, die in Berlin 40 bis 50 Prozent unter dem Niveau anderer OECD-Metropolen wie Amsterdam, Stockholm, Oslo oder Paris liegt. Um beim lebenslangen Lernen mit den Spitzenreitern Helsinki, Stockholm oder Zürich aufzuschließen, müssten in Berlin rund eine halbe Million mehr Menschen an Weiterbildung teilnehmen als es derzeit der Fall ist.

Dabei steht Berlin bei der Weiterbildung vor besonderen Herausforderungen: Insbesondere die Beschäftigten in den zahlreichen Kleinstunternehmen in Berlin und die vielen Solo-Selbstständigen sind nur schwer für Weiterbildung zu erreichen. Darüber hinaus fehlen vielen Menschen in Berlin grundlegende Kompetenzen. Auch Menschen mit Migrationshintergrund, die ein Drittel der Berliner Bevölkerung ausmachen, müssen mit spezifischen Angeboten für Weiterbildung angesprochen werden.

Die Studie rät zu einem Maßnahmenpaket mit drei Schwerpunkten: So sollte eine umfassende und langfristige Qualifizierungsstrategie für Berlin erarbeitet werden, die Elemente aus dem Masterplan Qualifizierung aufgreift. Dies sollte in enger Abstimmung zwischen Politik, Arbeitnehmern, Arbeitgebern und Bildungsträger geschehen, damit die Strategie auf die Arbeitsmarktbedürfnisse in der Stadt zugeschnitten ist. Zudem sollten berufsbezogene Weiterbildung und allgemeine Erwachsenenbildung, die in der Berliner Senatsverwaltung in unterschiedlichen Ressorts angesiedelt sind, besser aufeinander abgestimmt werden. So könnten Synergien beispielsweise im Spracherwerb und der Vermittlung digitaler Kompetenzen effektiver genutzt werden.

Gleichzeitig sollten die Angebote für benachteiligte Gruppen verbessert werden. Dies kann durch den Ausbau kurzer, modularer Kurse geschehen, um so die Teilnahme zu erhöhen. Für Solo-Selbstständige sollten gezielte Angebote ausgearbeitet werden, auch weil diese Gruppe kaum von Instrumenten wie Bildungsurlaub profitiert. Darüber hinaus sollten die Alphabetisierungskampagne und andere Programme zum Erwerb von Grundkenntnissen ausgebaut werden. Für Migranten und Migrantinnen schlägt die Studie konkret vor, Sprachkurse der VHS stärker mit arbeitsmarktrelevanten Kursen zu verzahnen.

Schließlich empfiehlt die Studie, Arbeitgeber stärker in die Weiterbildungsstrategie einzubinden. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen benötigen zusätzliche Unterstützung, die über die auf Bundesebene angebotene finanzielle Unterstützung hinausgeht. Dazu gehört ein regelmäßiger Austausch zwischen den Senatsverwaltungen und Arbeitgeberverbänden, regelmäßige Umfragen unter Berliner Unternehmen und eine stärkere Beteiligung von Arbeitgebervertretern im Erwachsenenbildungsbeirat. Neue Modelle aus anderen OECD-Ländern, in denen Stadtverwaltungen aktiv auf kleinere Unternehmen zugehen und Weiterbildungsstrategien entwerfen, könnten Berlin als Vorbild dienen.

 

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