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Forschungsstudie: Online-Lehre funktioniert!

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Wissen in kürzester Zeit digitalisieren und online vermitteln – vor diese Aufgabe stellte die Corona-Pandemie die Hochschulen und Universitäten.

Ein Forschungspapier der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) zeigt, dass Online-Lehre funktionieren kann.

»Selbsteinschätzung der Kompetenzen von Bachelor-Studierenden der Informatik« heißt die Forschungsarbeit, die die Professorinnen Kay Berkling (DHBW Karlsruhe) und Carmen Winter (DHBW Stuttgart) und Professor Dirk Saller (DHBW Mosbach) jetzt im Online-Wissenschaftsjournal Form@re veröffentlicht haben.

Die Publikation strebt eine engere Verzahnung von Theorie und Praxis im Bereich der Bildungstechnologien und der Lehr- und Lernpraktiken an. Die Kernaussage der wissenschaftlichen Einschätzung aus Baden-Württemberg: Online-Lehre Informatik funktioniert im dualen Studium und kann alle wichtigen Kompetenzen vermitteln, die sonst mit Präsenzlehre erzielt werden. Grundsätzlich gibt es bei der digitalen Theorievermittlung nach Einschätzung der befragten Studierenden im Durchschnitt keine signifikanten qualitativen Unterschiede gegenüber dem »Studium vor Ort«.

Im Pandemie-Frühjahr 2020 kam es weltweit auch an Hochschulen und Universitäten zu den ersten massiven Lockdowns. »Gemeinsam mit zwei italienischen Bildungsforschern, mit denen wir in Kontakt stehen, war uns sofort klar: Wir müssen diesen epochalen Einschnitt untersuchen und auswerten«, skizziert Dirk Saller den Ausgangspunkt der Forschungen. Bereits im April 2020 startete er mit DHBW-Kolleginnen und weiteren Hochschullehrern in Italien und Tansania eine Umfrage, wie die Dozierenden und Studierenden den Lockdown im Sommersemester 2020 wahrnehmen – und was sie davon erwarten: »Was kommt da auf uns zu? Verkraften wir das? Können wir sofort online lehren und studieren, wenn man bislang nur Präsenz gewohnt war?« Die Ergebnisse der Studie aus der Frühphase flossen als Phase 1 in das Projekt CLUE (Corona Lockdown University Experience) ein.

Schon früh positive Erfahrungen mit Online-Lehre

Aus diesem Ansatz ergab sich eine längerfristige Forschungsperspektive mit mehreren Umfragen, die zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedliche Aspekte zum übergreifenden Thema »Online-Lehre und seine Wirksamkeit« ermittelten. »Schon in der ersten Phase war es für uns überraschend, dass sich sowohl Dozierende als auch Studierende positiv über ihre Erfahrungen geäußert haben«, sagt Professorin Kay Berkling. »Der grundlegende Tenor war: ‚Wir schaffen das‘. Es gab keine Panikreaktionen. Ungefähr ein Drittel der Befragten hatte zwar durchaus Befürchtungen vor dem, was da auf sie zukam – aber im Mittel waren die Werte von insgesamt 2.000 Befragten aus verschiedenen Studiengängen und Fakultäten hinsichtlich des Erfolgs der Online-Lehre im Plus-Bereich.« An dieser ersten Studie war auch Professorin Sabine Möbs von der DHBW Heidenheim beteiligt.

Die nun veröffentlichte weiterführende Forschungsarbeit basiert auf diesen Ansätzen, wurde jedoch erst im weiteren Verlauf der Pandemie möglich – Corona wollte nämlich nicht enden. »Wir hatten nun die Möglichkeit, verschiedene Semester und Jahrgänge hinsichtlich des unterschiedlichen Erlebens und Studierens zu befragen«, sagt Professorin Carmen Winter. »Wie lief es online im Vergleich zur Präsenz? Hatten die Studierenden das Gefühl oder sogar die Gewissheit, auch ohne Präsenz in der Hochschule ausreichendes Wissen zu erwerben?«

Kompetenzbegriff als entscheidendes Messkriterium

Eine wichtige Frage war dabei die nach dem Messkriterium für den Vergleich von vorher/nachher sowie online/offline. »Einfachstes Kriterium ist natürlich die Zufriedenheit«, sagt Carmen Winter, die an der DHBW in Stuttgart Studiengangsleiterin für Informatik ist und sich schon seit ihrer Promotion mit Educational Technology beschäftigt. »Aber wir haben uns vor allem auf den ‚Kompetenzbegriff‘ fokussiert.« Der hatte spätestens im Zuge des Bologna-Prozesses – also der europaweiten Vereinheitlichung von Studiengängen und -abschlüssen – Einzug in die Curriculumsplanung der Hochschulen erhalten. Er bindet bei Bachelor-Studiengängen auch die praxisrelevante Berufsbefähigung ein. In dieser Phase konzentrierte man sich zunächst auf den Studiengang Informatik.

»Durch die Modul-Struktur aktueller Studiengänge können wir die Kompetenzerreichung je Modul messen. Dies ist letztlich objektiver als die Frage nach der Zufriedenheit der Studierenden«, erläutert die Informatik-Professorin. Die Grundfrage in der zweiten Phase, die sich Mitte 2021 rückwirkend mit den Corona-Lockdowns beschäftigte: »Haben wir diese Kompetenzziele besser in Präsenz oder besser durch Online-Lehre erreicht?« Das Ergebnis deutet an, dass es im Studiengang Informatik im Mittel keine signifikanten Unterschiede gab. Befragt wurden zuerst die Studierenden der Absolventenjahrgänge 2020 und 2021 hinsichtlich Ihrer Selbsteinschätzungen. Die Antworten zeigten insgesamt gute Ergebnisse mit den Bedingungen der Online-Lehre, und die Studierenden erreichten ihrer Meinung nach die Kompetenzziele ihrer Lehrveranstaltungen.

Das Anhalten der Corona-Pandemie brachte den DHBW-Wissenschaftler*innen schließlich die Möglichkeit, noch weiter in die Tiefe zu gehen – denn es ergab sich ein weiterer Forschungsansatz. Statt Jahrgänge »nur« über ihre Erfahrungen und ihren Kompetenzerwerb mit wechselndem Online-Offline-Unterricht zu befragen, konnten die Forschenden nun zwei komplette Absolventenjahrgänge analysieren, die den gleichen Stoff entweder nur in Präsenz oder nur online aufgenommen hatten. »Das gab uns die einmalige Möglichkeit, genau hinzuschauen: Haben die Studierenden, die den Stoff in den einzelnen Modulen ausschließlich digital vermittelt bekommen, am Ende das gleiche Fachwissen wie diejenigen, die klassisch in Vorlesungen und Laboren lernen?«, sagt Kay Berkling. Die Professorin wurde kürzlich für ihren Ansatz der Studienunterstützung durch die Integration von online sozialen Netzwerke mit dem Landeslehrpreis Baden-Württemberg geehrt.

»Das System der DHBW hat sich als äußerst robust erwiesen«

Genau dieser Frage gingen die Autorinnen und der Autor in ihrer Studie »Selbsteinschätzung der Kompetenzen von Bachelor-Studierenden der Informatik« auf den Grund. Von den angeschriebenen rund 550 Absolvent*innen pro Jahrgang füllten jeweils rund 15 % den dafür entwickelten Fragebogen aus. »Das Ergebnis: In der Informatik hatte weder ein deutlich erhöhter Online-Anteil im Studium noch die ausschließliche Online-Durchführung einzelner Module negative Auswirkungen auf die gefühlte erreichte Kompetenz«, berichtet Dirk Saller. »Über alle Ergebnisse gemittelt lässt sich sagen: Das System der DHBW hat sich im Studiengang Informatik auch mit hohen Online-Anteilen während der Pandemie als äußerst robust erwiesen.«

Dabei schauten sich die Forschenden auch Unterstrukturen an und verglichen die einzelnen DHBW-Standorte – Informatik wird von der DHBW in acht Städten des Bundeslandes gelehrt. Sichtbar wurden durchaus signifikante Unterschiede zwischen der Teilgruppe Online und der Teilgruppe Offline beim Blick auf einzelne Module und einzelne Standorte. »Hier nimmt die Aussagekraft aufgrund der geringen Zahl an zugeordneten Rückmeldungen schnell ab. Bestimmte Blickwinkel gewinnen ‚unter der Lupe‘ an Gewicht, wenn es nur wenige Antworten gibt«, erläutert Carmen Winter. Aussagekräftiger seien daher die großen Tendenzen der Umfrage.

Auf der Grundlage ihrer Ergebnisse sind die drei DHBW-Fachleute der Meinung, dass sich die aktuelle Umfrage als effektiv genug erwiesen hat, um die Umstellung auf Online-Lehre insgesamt zu bewerten. »Weil wir je nach Kompetenz und Standort auch Schwachstellen und Stärken ermittelt haben, wäre es interessant, diese Art von Umfragen zu ‚institutionalisieren‘«, so Winter. Man könnte sie nach Abschluss eines jeden Studienjahrs durchführen, die Jahre dann sauber voneinander trennen, die Umfrage näher an dem Zeitpunkt durchzuführen, an dem die Kompetenzen unterrichtet wurden, und dadurch mögliche Probleme früher erfassen. »Das würde den Zeitaufwand für die Umfrage verringern und könnte vielleicht auch die Zahl der teilnehmenden Studierenden erhöhen. Weil wir aus den Antworten wichtige Rückschlüsse ziehen können, müsste die Rücklaufquote der Studierenden noch erhöht werden, um so die erkannten Tendenzen bestätigen zu können.«

Präsenz ist wichtig – aber mehr Online-Lehre ist möglich

Die Verfassenden des Forschungspapiers betonen, dass es ihnen bei ihrer Arbeit nicht um ein »Aufwiegen« von Online- oder Offline-Lehre geht: »Der stark gestiegene Online-Anteil an der Lehre war eindeutig der Corona-Pandemie geschuldet. Aber dieses Ereignis hat eben auch zwangsläufig dazu geführt, dass man mit digitalen Möglichkeiten schneller und intensiver Erfahrungen machen konnte, als es geplant war«, so Kay Berkling. Dies eingehend zu untersuchen und damit die Robustheit des DHBW-Systems auch unter besonderen Bedingungen zu belegen, sei ein bedeutsames Ergebnis. »Aber natürlich stellen wir damit keinesfalls die Präsenzlehre in Frage«, betont die Professorin. »Präsenz ist wichtig – für die Vermittlung sozialer Kompetenzen, für das Training von Arbeits- und Verhandlungssituation, für das menschliche Miteinander, für den Spaß am Studium.«

Dennoch, so ihr Kollege Dirk Saller, gebe es natürlich auch einen »Markt« für Online-Angebote. »Seit Jahrzehnten gibt es Fernuniversitäten, die bestimmte Inhalte aus der Distanz lehren. Auch für die DHBW sind unseres Erachtens künftig duale Studiengänge denkbar, bei denen die Theorie online vermittelt wird. Unsere neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse signalisieren uns, dass wir das an der DHBW gut können.«

Online-Bachelor Informatik bereits in Vorbereitung

In Abstimmung mit den Dualen Partnern, deren Belange, Anforderungen und »use cases« natürlich integriert werden, arbeite man derzeit bereits an einem dreijährigen Pilotprojekt Online-Bachelor Informatik. Saller: »Noch ist das eine Diskussion in den Gremien, auch sind noch rechtliche Rahmenbedingungen zu prüfen. Ich halte es jedoch für möglich, dass wir schon im Wintersemester 2023/2024 damit starten könnten – denn wir haben, was das Digitale angeht, mittlerweile viel Erfahrung und Know-how. Wir sind uns aber auch einig, dass sich die Erfahrungen aus unserem Studiengang nicht einfach auf alle Studiengänge übertragen lassen.«

Man sei sehr gespannt auf weitere Daten und mögliche Erkenntnisse aus dem kommenden Absolventenjahrgang. Diese Daten beinhalten neue Studierendenaussagen, da dieser Jahrgang direkt mit dem 1. Semester in die Online-Lehre eingestiegen sei. »Es gibt auch schon Indizien in den bisherigen Befragungen dafür, dass eine Untergruppe von Studierenden sich mit der Online-Lehre schwertut, während eine andere Untergruppe sich besonders wohl fühlt. Dies ist zurückzuführen auf die Fragestellung der Online-Studierfähigkeit. Hierzu gibt es eine weitere Veröffentlichung.«

Auf Basis dieser Studie entstanden Indikatoren aufgrund von bekannten standardisierten Tests. Sie ermöglichen Studierenden vor der Entscheidung für ein Online-Studium, ihre Eignung dafür besser einzuschätzen. Kay Berkling: »Trotz der vorliegenden Forschung bleibt noch viel zu tun und zu verstehen, um eine Online-Lehre auf Dauer erfolgreich zu gestalten und zu etablieren.«

 

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