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Neuer Höchststand: 66.000 Studierende ohne Abitur in Deutschland

Alma mater

Immer mehr Personen nutzen in Deutschland die Möglichkeit, sich über den beruflichen Weg für ein Studium zu qualifizieren.

Aktuell studieren in Deutschland rund 66.000 Personen ohne Hochschul- und Fachhochschulreife. Zu diesem Ergebnis kommt das diesjährige Monitoring des CHE Centrum für Hochschulentwicklung. Die meisten beruflich qualifizierten Erstsemester schreiben sich anteilig in Thüringen, Hamburg und Bremen ein. Erstmals beginnen mehr Frauen als Männer ein Studium ohne Abitur.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich die Zahl der Studienanfänger*innen ohne Abitur mehr als vervierfacht. Schrieben sich im Jahr 2002 noch 3.240 beruflich qualifizierte Erstsemester ein, sind es mit aktuell 15.161 so viele wie nie zuvor. Damit klettert auch deren Anteil an allen Studienanfänger*innen im Bundesgebiet auf ein neues Hoch von 3,1 Prozent. Die Zahl der Studierenden ohne Hochschul- und Fachhochschulreife ist gegenüber dem Vorjahr um 2.060 Personen auf nun rund 66.000 gewachsen. Das entspricht einem Anteil von 2,2 Prozent an der gesamten Studierendenschaft in Deutschland.

»Früher gab es die strikte Trennung von beruflicher und akademischer Bildung. Heute gehören beide Bereiche nachschulischer Bildung immer selbstverständlicher zu ein und derselben Bildungsbiografie«, sagt Frank Ziegele. »Dies zeigt die seit Jahren konstant wachsende Gruppe der Studierenden, die über den dritten Bildungsweg auf einen deutschen Campus gelangen«, so der Geschäftsführer des CHE Centrum für Hochschulentwicklung.

Regionale Unterschiede zeigen sich im Bundesländervergleich. Mit einem Erstsemesteranteil von 10,8 Prozent liegt erstmals Thüringen auf dem ersten Rang, gefolgt von dem bisherigen Spitzenreiter Hamburg (4,7 Prozent) und Bremen (3,7 Prozent), welches seinen dritten Platz aus dem Vorjahr halten kann. Hauptgrund für den Spitzenplatz von Thüringen ist die IU Internationale Hochschule, die ihren Hauptstandort von Nordrhein-Westfalen nach Erfurt verlegt hat.

Mit 2.538 beruflich qualifizierten Studienanfänger*innen im Jahr 2020 hat die private IU Internationale Hochschule auch der staatlichen FernUniversität Hagen den Rang der am stärksten beim Studium ohne Abitur nachgefragten Hochschule im Bundesgebiet abgelaufen. Ein Grund dafür könnte die starke Ausrichtung der IU auf das Fernstudium sein. Die FernUniversität Hagen steht mit 1.339 Erstsemestern ohne Abitur nun bundesweit auf Platz zwei. An dritter Stelle folgt erneut eine private Einrichtung. Die hessische DIPLOMA Hochschule weist mit 587 Studienanfänger*innen ohne Hochschul- und Fachhochschulreife allerdings einen großen quantitativen Abstand auf.

»Der quantitative Zuwachs beim Studium ohne Abitur ist keine flächendeckende Entwicklung, sondern wird vor allem durch Hochschulen vorangetrieben, die mit ihrem Angebot den Bedürfnissen von beruflich Qualifizierten spezifisch entgegenkommen«, erklärt Sigrun Nickel, Expertin für das Themenfeld »Studieren ohne Abitur« beim CHE. Attraktiv seien für diese Zielgruppe neben einem umfassenden Fernstudienangebot vor allem Möglichkeiten zum berufsbegleitenden Studium sowie Studienangebote im Blended-Learning-Verfahren, d. h. einer Kombination aus Präsenzphasen an der Hochschule und Selbstlernphasen zu Hause.

Die Bedeutung der Universitäten nimmt im Vergleich der Hochschultypen stetig ab. Entschieden sich 2011 noch die Hälfte aller Erstsemester ohne Abitur für ein Studium an einer Universität, sind es jetzt nur noch ein Viertel. Rund neun von zehn der beruflich qualifizierten Studierenden sind in einem Bachelorstudium eingeschrieben. Einen Masterstudiengang absolvieren lediglich 12 Prozent aller Studierenden ohne Abitur im Bundesgebiet. Im Vergleich dazu fällt der Anteil der Masterstudierenden in der Gruppe aller Studierenden mit Abitur mit 26 Prozent mehr als doppelt so hoch aus.

Ausgewertet wurden die Daten für die CHE-Publikation »Update 2022: Studieren ohne Abitur in Deutschland« auch im Hinblick auf die Geschlechterverteilung: Hierbei ist erstmals die Zahl der Studienanfängerinnen ohne Abitur größer als die der Studienanfänger. »Das steigende Interesse von Frauen ohne Abitur an einem Studium hängt auch mit dem Studienangebot im Bereich Gesundheit und Pflege zusammen. Aktuell entscheidet sich jede fünfte Studienanfängerin für ein Studienfach aus dem Bereich Medizin und Gesundheitswissenschaft«, erläutert Sigrun Nickel.

Seit der Reform der Studienplatzvergabe für das Medizinstudium haben sich auch die Zugangsmöglichkeiten für Personen ohne Abitur verbessert. Hier hat sich die Zahl der Studierenden, die sich allein über ihre Berufserfahrung qualifiziert haben, zwischen 2014 und 2020 von 534 auf 1.071 verdoppelt. Bei der Bewerbung für einen Studienplatz im Bereich Human- oder Zahnmedizin ersetzt die Note der Meister- oder Fachwirtprüfung die Abiturnote. Weitere Informationen zum Bewerbungsverfahren finden sich in einem Ratgeber aus der Reihe CHE kurz + kompakt für Medizin sowie im CHE kurz + kompakt Studieren ohne Abitur für alle weiteren Fächer.

Voraussetzungen für die Bewerbung um einen Studienplatz ohne allgemeine Hochschulreife und Fachhochschulreife sind in der Regel eine abgeschlossene Berufsausbildung sowie der Nachweis von Berufserfahrung. Je höher die im Beruf erworbene Qualifikation der Studieninteressierten ist, desto größer ist auch die Auswahl an Studiengängen, die studiert werden können.

 

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