MINT-Stereotype: Lehrkräfte rechnen bei Mädchen vor allem in Technik und Informatik mit geringeren Kompetenzen

DIPF 11

Lehrkräfte und Lehramtsstudierende erwarten in den MINT-Fächern bei Jungen höhere Fähigkeiten als bei den Mädchen – aber je nach Fach in unterschiedlichem Ausmaß. Besonders stark fallen die Unterschiede in den Bereichen Technik und Informatik aus.

Das haben zwei Studien des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation ergeben, deren Ergebnisse in der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft vorgestellt wurden. Die Autorinnen empfehlen eine entsprechende Sensibilisierung im Lehramtsstudium, in Fortbildungen und nicht zuletzt auch beim Unterrichtsmaterial. 

»Unsere Ergebnisse zeigen, dass stereotypische Erwartungen gegenüber Mädchen vor allem in den MINT-Domänen Technik und Informatik bestehen. Diese Stereotype sind bei Lehramtsstudierenden sogar stärker ausgeprägt als bei erfahrenen Lehrkräften«, erläutert Prof. Dr. Hanna Beißert, Leiterin des Arbeitsbereichs »Heterogenität und Bildung« am DIPF. In zwei aufeinander aufbauenden Studien hatte ihr Team untersucht, wie Grundschullehrkräfte und Lehramtsstudierende die Kompetenzen von Mädchen und Jungen in Mathematik, Naturwissenschaften, Technik und Informatik einschätzen. Es ist das erste Mal, dass in einer Studie mehrere MINT-Domänen einzeln untersucht worden sind.

In beiden Studien wurde deutlich, dass Lehrkräfte Jungen in den MINT-Fächern durchweg höhere Kompetenzen zuschrieben als Mädchen – mit deutlichen Unterschieden zwischen den einzelnen MINT-Bereichen, die jedoch in beiden Studien ähnliche Muster aufwiesen. In den Bereichen Technik und Informatik war die Erwartungslücke deutlich größer als in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften.

Beide Studien waren als Fragebogenerhebungen angelegt. Die Teilnehmenden wurden gebeten, jeweils getrennt für Jungen und Mädchen auf einer Skala einzuschätzen, wie gut die Kinder typischerweise in der jeweiligen Domäne sind. Die Domänen umfassten Mathematik, Naturwissenschaften, Technik sowie Informatik. In der ersten Studie nahmen 43 Grundschullehrkräfte aus Baden-Württemberg teil. Studie 2 erweiterte die Stichprobe auf 85 Lehrkräfte und 174 Lehramtsstudierende aus der gesamten Bundesrepublik. Darin zeigte sich deutlich, dass Lehramtsstudierende von größeren Kompetenzunterschieden zwischen den Geschlechtern ausgingen als bereits im Dienst stehende Lehrkräfte.

Für Hanna Beißert ergeben sich aus den beiden Studien wichtige Implikationen für die Praxis: »Zum einen sollten Lehramtsausbildung und Fortbildungen gezielt geschlechtsspezifische Stereotype thematisieren und bei angehenden Lehrkräften Bewusstsein und Reflexionsräume schaffen. Zum anderen empfiehlt sich eine Differenzierung zwischen den einzelnen Domänen.« So werde in der geschlechterbezogenen Förderung der Fokus oft auf das Fach Mathematik gelegt. »Unsere Untersuchung legt jedoch nahe, dass gerade Technik und Informatik stärker adressiert werden sollten. Das gilt explizit auch für Lehrkräfte im Grundschulbereich«, so Beißert weiter. Denn die Stereotype von Lehrkräften wirkten in der Grundschule auf die grundlegenden Einstellungen von Kindern im Hinblick auf den MINT-Bereich. Selbst wenn die Naturwissenschaften, Informatik und Technik in der Grundschule keine eigenständigen Fächer sind, werde im Sachkundeunterricht der Unterricht in diesen Fächern vorbereitet. Zudem empfiehlt Prof. Beißert, Unterrichtmaterialien diverser zu gestalten und gerade in den MINT-Fächern gezielt Bilder und Beispiele mit Mädchen und Frauen zu verwenden. Bei den Schulbüchern beobachte sie hier bereits einige Fortschritte, jedoch enthielten gerade Arbeitsblätter noch häufig geschlechtsstereotypische Darstellungen.

Über das DIPF
Das DIPF ist das Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation mit Standorten in Frankfurt am Main und in Berlin. Es will dazu beitragen, Herausforderungen in der Bildung und für das Erforschen von Bildung zu bewältigen. Dafür unterstützt das Institut Schulen, Kindertagesstätten, Hochschulen, Wissenschaft, Verwaltung und Politik mit Forschung, digitaler Infrastruktur und Wissenstransfer. Übergreifendes Ziel seiner Aktivitäten ist eine qualitätsvolle, verantwortliche, international anschlussfähige und Gerechtigkeit fördernde Bildung, die zudem bestmöglich erforscht werden kann.

QUELLE: DIPF 


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