Vielfaltsbarometer 2025: Zustimmung mit Vorbehalt

Sonderauswertung des Vielfaltsbarometers 2025 zeigt Unterschiede bei Menschen mit und ohne Migrationshintergrund
Grundsätzliche Offenheit, deutliche Bruchlinien
Das »Vielfaltsbarometer 2025« der Robert Bosch Stiftung zeichnet ein klares Spannungsfeld. Menschen mit und ohne Migrationshintergrund bewerten Vielfalt insgesamt ähnlich positiv. Beide Gruppen erreichen rund 62 von 100 möglichen Punkten. Erst bei konkreten Fragen zu einzelnen Vielfaltsdimensionen werden Unterschiede sichtbar. Diese verweisen auf zentrale Konfliktlinien der deutschen Einwanderungsgesellschaft.
Vielfalt wird unterschiedlich verstanden
Persönliche Erfahrungen prägen Einstellungen zu Vielfalt stärker als abstrakte Überzeugungen. Menschen mit Migrationshintergrund stehen religiöser und ethnischer Vielfalt offener gegenüber als Menschen ohne Migrationshintergrund. Umgekehrt ist die Akzeptanz unterschiedlicher sexueller Orientierungen bei Menschen ohne Migrationshintergrund höher ausgeprägt.
Eigene Diskriminierungserfahrungen erhöhen die Sensibilität für weitere Formen von Benachteiligung. Betroffene Gruppen zeigen häufig eine größere Offenheit gegenüber anderen Dimensionen von Vielfalt.
Regionale Unterschiede zeigen sich vor allem bei Menschen ohne Migrationshintergrund. In Westdeutschland und in Großstädten ist die Zustimmung höher als in Ostdeutschland und ländlichen Regionen. Bei Menschen mit Migrationshintergrund bleiben die Einstellungen weitgehend unabhängig vom Wohnort stabil.
Zugehörigkeit und Anerkennung unter Druck
Viele Menschen empfinden ihre gesellschaftliche Position als benachteiligt. Rund zwei von fünf Befragten fühlen sich als »Bürger:in zweiter Klasse«. Besonders ausgeprägt ist dieses Gefühl in Ostdeutschland. Auch Menschen mit Migrationshintergrund berichten häufig von fehlender Anerkennung.
Zugleich hat etwa jede zweite Person den Eindruck, dass Politik die Interessen von Minderheiten stärker berücksichtige als die der Mehrheit. Fast drei Viertel der Menschen mit Migrationshintergrund berichten von Diskriminierungserfahrungen, bewerten die wirtschaftliche Lage Deutschlands jedoch vergleichsweise positiv und bringen der Politik mehr Vertrauen entgegen. Anerkennungsmangel und gesellschaftlicher Optimismus gehen hier zugleich nebeneinander her.
Migration folgt einer Akzeptanzhierarchie
Die Zustimmung zu Zuwanderung ist deutlich gestaffelt. Besonders hoch ist die Akzeptanz für Menschen aus Nord- und Westeuropa. Deutlich geringer fällt sie bei Zuwandernden aus Osteuropa, Afrika, Südasien und dem Nahen Osten aus.
Auch der Migrationsgrund beeinflusst die Haltung maßgeblich. Hohe Zustimmung erfahren Studierende, Kriegsflüchtlinge und Arbeitskräfte. Migration aus Armut oder infolge des Klimawandels stößt hingegen auf deutlich weniger Akzeptanz. Migration wird vielfach nach wahrgenommenem Nutzen bewertet.
Klare Kriterien für Zugehörigkeit
Trotz dieser Unterschiede sind die Maßstäbe für Zugehörigkeit klar umrissen. Für die Mehrheit zählen vor allem das Achten der Gesetze, ausreichende Deutschkenntnisse und Erwerbstätigkeit. Herkunft oder familiäre Wurzeln spielen eine nachgeordnete Rolle.
Resümee: Zusammenhalt bleibt Gestaltungsaufgabe
Das Vielfaltsbarometer 2025 zeigt eine Gesellschaft, die Vielfalt grundsätzlich bejaht, zugleich aber von Anerkennungs- und Verteilungskonflikten geprägt ist. Einstellungen zu Vielfalt entstehen aus konkreten Lebensrealitäten.
Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bleiben drei Aufgaben zentral: Dialog zwischen unterschiedlichen Gruppen stärken, Diskriminierung konsequent abbauen und faire Teilhabechancen sichern. Erst dort, wo Anerkennung erlebbar wird, kann Vielfalt dauerhaft tragen.
VERWEISE
- Teilhabe und Zugehörigkeit in der Einwanderungsgesellschaft ...
- siehe auch: »Vielfaltsbarometer 2025 - Zum Stand des Zusammenlebens in Deutschland« ...
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