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Was ist uns die Bildungsrepublik wert?

Christian Jacobs Ein Beitrag aus unserer »Standpunkte«-Reihe von Dr. Christian Jacobs, Bremen.

Die Zeichen sind eindeutig: Um seinen Wohlstand aufrechterhalten zu können, ist Deutschland auf den Zuzug von Fachkräften aus dem Ausland angewiesen. Doch während einerseits eine Willkommenskultur beschworen wird, wird andererseits ausländischen Studierenden aus Nicht-EU-Ländern der Zugang zu deutschen Hochschulen durch finanzielle Hürden erschwert. Es gilt, neue Wege zu beschreiten.

Experten erwarten, dass das derzeitige deutsche Arbeitskräftepotenzial von fast 50 Millionen Menschen in den kommenden 15 Jahren um nahezu ein Viertel schrumpft. Zugleich wird der Bedarf an Akademikern ungebrochen hoch bleiben. Denn durch das langfristige Wachstum der deutschen Volkswirtschaft entstehen zusätzliche Arbeitsplätze. Der anhaltende Strukturwandel zu einer wissensintensiven Gesellschaft führt außerdem zu einer Verlagerung von Arbeitsplätzen in den tertiären Sektor. Das bedeutet, dass bevorzugt hochqualifizierte Arbeitskräfte benötigt werden. Es ist also nicht von der Hand zu weisen, dass unsere Wirtschaft künftig in erheblichem Maße von Zuwanderern anhängig sein wird.

Die Bundesregierung hat zu diesen Entwicklungen bereits in Ansätzen Stellung bezogen. So enthält der aktuelle Koalitionsvertrag das Ziel, die Zahl ausländischer Studierender an deutschen Universitäten bis 2020 um rund ein Drittel auf etwa 350.000 zu steigern. Die Koalitionspartner bekräftigten damit die im April 2013 verabschiedete Strategie der Wissenschaftsministerinnen und -minister von Bund und Ländern für die Internationalisierung der Hochschulen. Dabei besteht jedoch ein Grundproblem: Der eingeschränkte Blick auf das Jahr 2020 versperrt die Sicht auf die langfristigen Effekte des demografischen Wandels. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung geht in seinem aktuellsten Jahresgutachten davon aus, dass der demografische Wandel spätestens ab den 2020er-Jahren unsere Volkswirtschaft und insbesondere die Sozialsysteme zunehmend belasten und die Wachstumschancen verringern wird.

Neue Ziele für die Internationalisierung der Hochschulen

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Dr. Christian Jacobs ist Ehrenpräsident der Jacobs Foundation, einer der größten privaten Stiftungen Europas, die sich weltweit für Kinder- und Jugendentwicklung engagiert.


Zuvor war der Unternehmer viele Jahre Vorsitzender der Stiftung.

Wir sollten uns daher fragen: Reicht die aktuelle Zielmarke für ausländische Studierende im Koalitionsvertrag? Dass wir bereits auf einem guten Weg sind, zeigen aktuelle Zahlen: Im Jahr 2014 besuchten bereits mehr als 319.000 ausländische Studierende deutsche Universitäten. Eine beeindruckende Zahl. Allerdings stammt nur etwa ein Drittel aus Nicht-EU-Ländern. Um zukunftsfördernde Weichen für die Bildungs- und Wirtschaftsnation Deutschland zu stellen, sollte es unser ambitioniertes Ziel sein, bis 2020 bereits 500.000 ausländische Studierende nach Deutschland zu holen und davon sollte die Hälfte aus Ländern außerhalb der EU stammen.

Die Mehrheit der ausländischen Studierenden kehrt nach dem Studienabschluss mittelfristig wieder in ihre Heimat zurück. Das ist einerseits gewinnbringend und entwicklungsfördernd für die Herkunftsländer. Schließlich bringen zum Beispiel die Rückkehrer aus Schwellenländern dringend benötigtes, geistiges Kapital ein. Andererseits gilt für die Bundesrepublik jedoch, den Bleibewilligen bereits mit Beginn ihrer Hochschulausbildung einen guten Start zu bereiten. So können zusätzliche Anreize für ein Studium und einen Jobeinstieg hierzulande geschaffen werden.

Deutschlands Bemühungen um internationale Talente sind zu gering

Was wird derzeit schon für die Gewinnung von jungen Talenten aus dem Ausland getan? Welche Chancen haben ausländische Studierende – vor allem jene aus Drittstaaten mit geringem Pro-Kopf-Einkommen –, an deutschen Hochschulen zu studieren und den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland langfristig zu unterstützen? Bei genauerem Hinsehen treten große Unterschiede und Ungerechtigkeiten zutage.

Während Bürger aus EU-Ländern zumeist nur eine Zulassung an einer deutschen Universität benötigen, sehen sich Studierende aus Nicht-EU-Ländern vor teils unüberwindbare Hindernisse gestellt. Das ist fatal, warten hier doch junge und gut ausgebildete Talente aus den USA, Russland oder wichtigen Schwellenländern wie China oder Indien. Wer aus einem Land außerhalb der EU stammt und in Deutschland studieren will, muss seinen Lebensunterhalt nachweisbar selbst bestreiten können. Ausgegangen von 670 Euro monatlich – das soll in etwa dem entsprechen, was ein Student in Deutschland zum Leben benötigt – muss jeder ausländische Studierende pro Jahr mindestens 8.040 Euro als Rücklage nachweisen, um sich für ein Studium bewerben zu dürfen. Je nach Wohnort und Studienfach werden die tatsächlichen Kosten noch um einiges höher liegen.

In zahlreichen Nicht-EU-Ländern wäre reich, wer eine solche Geldsumme besitzt. Die Folge: Junge Menschen aus dem Ausland, die diesen Geldbetrag nicht aufzutreiben vermögen, werden ein Studium in Deutschland gar nicht in Betracht ziehen. Damit schließen wir qualifizierte und motivierte Jungakademiker vom deutschen Forschungs- und Arbeitsmarkt aus. Das sollten wir dringend als Anlass verstehen, die Startbedingungen für internationale Akademiker in Deutschland zu verbessern. Das heißt, Studierende aus Nicht-EU-Ländern müssen eine optimale Betreuung und gesicherte Finanzierung erhalten. Die aktuellen Fördermöglichkeiten in Deutschland reichen jedoch nicht aus, um ein komplettes Bachelor-Studium internationaler Studierender zu unterstützen. Sie richten sich zumeist an exzellente Studenten, an solche in höheren Semestern oder bieten nur kurze Förderungsdauer. Es gilt daher, neue Wege der Förderung zu diskutieren und zu entwickeln.

Stipendienmodell zur Förderung ausländischer Studierender

Ein neuer Ansatz ist die Übernahme der Studienkosten für Studierende aus Entwicklungsländern durch den Bund. Dieser Ansatz kommt auch dem Vorhaben der Regierung nach, den Bund stärker an der Hochschulfinanzierung zu beteiligen. Dabei ist zu beachten, dass das Geld den Universitäten direkt zukommen soll, anstatt den Weg über die Bundesländer zu gehen. Getreu dem ähnlichen Finanzierungsvorschlag des ehemaligen Berliner Bildungssenators Jürgen Zöllner ist das Motto: Geld folgt Studierenden. Das bedeutet, dass die Höhe der Zuschüsse sich nach der Anzahl der ausländischen Studierenden an der jeweiligen Hochschule richtet. So wird das Geld zielgerichtet eingesetzt und es profitieren insbesondere Universitäten und Bundesländer mit einem hohen Anteil ausländischer Studierender, wie beispielsweise Baden-Württemberg (12,1%).

Die Jacobs Foundation hat die Dringlichkeit neuer Finanzierungsmöglichkeiten erkannt und arbeitet deshalb zurzeit an Modellen, die Finanzierungen für Studierende aus Nicht-EU-Staaten einfacher ermöglichen sollen. Die Basis von solchen Modellen können beispielsweise Kredite sein, die durch staatliche Bürgschaften besichert werden. Ziel ist es, ein solches Finanzierungsmodell nach einer regionalen Testphase bundesweit auszurollen. Es wäre die einzige Kreditform, zu der Studenten aus Nicht-EU-Ländern aufgrund ihrer Staatsbürgerschaft Zugang hätten. Für den Kreditgeber birgt es zudem keinerlei Ausfallrisiko.

Als Bildungsrepublik, als Wissenschaftsstandort, als Wirtschafts- und Innovationsnation müssen wir Wege finden, wie wir ausländischen Menschen das Studieren in Deutschland ermöglichen – ohne finanzielle Erwartungen an sie zu stellen, die selbst für viele deutsche Studienanfänger ein Ausschlusskriterium wären. Wir müssen eine ehrliche und ernst gemeinte Willkommenskultur entwickeln, in der sich alle wiederfinden: EU-Bürger und Nicht-EU-Bürger. Nur so können wir in Wirtschaft und Wissenschaft wettbewerbsfähig bleiben und die Weichen für einen internationalen und zukunftsfähigen Arbeitsmarkt in Deutschland stellen.

In unserer Reihe »Standpunkte« bieten wir von Zeit zu Zeit engagierten Akteuren aus den Bereichen Weiterbildung, Personalentwicklung und Wissensmanagement die Möglichkeit, sich mit einem aktuellen Thema an unsere Leser zu wenden. Unabhängig vom jeweiligen Inhalt weisen wir darauf hin, dass diese Artikel ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors wiedergeben und nicht zwangsläufig mit der Auffassung der Redaktion in Einklang zu bringen sind.