Historisches Rekordniveau bei krankheitsbedingten Fehlzeiten
.png)
Ein morgendliches Kratzen im Hals führt heute öfter als früher zum Griff nach dem Telefon statt zum Weg ins Büro. Während Beschäftigte vor wenigen Jahren trotz leichter Symptome am Schreibtisch erschienen, dominiert nun die Entscheidung zur konsequenten Genesung im häuslichen Umfeld. Diese Veränderung im Umgang mit der eigenen Gesundheit prägt derzeit die Arbeitswelt und wirkt sich massiv auf die wirtschaftlichen Kennzahlen aus.
Atemwegserkrankungen und Verhaltenswandel als Hauptursachen
Die Fehlzeiten der Arbeitnehmer in Deutschland erreichten im Jahr 2023 einen historischen Höchststand. Nach aktuellen Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) fehlten Beschäftigte im Durchschnitt an 15,1 Arbeitstagen aufgrund von Krankheit.
Dieser Wert liegt signifikant über dem Niveau der Jahre vor der Corona-Pandemie, in denen sich der Krankenstand stabil bei etwa zehn Tagen bewegte. Die ökonomischen Folgen sind erheblich, da der Anstieg die Produktivität schwächt und die Personalkosten in den Unternehmen erhöht.
Ursachen für den Anstieg der Krankmeldungen
Den Hauptgrund für diese Entwicklung identifiziert die Untersuchung in einer massiven Zunahme von Atemwegserkrankungen. Seit 2021 hat sich die Anzahl der Fehltage in diesem Bereich fast verdreifacht. Neben klassischen Erkältungswellen und der Grippe spielt auch die dauerhafte Zirkulation von Coronaviren eine Rolle. Parallel dazu verbleiben psychische Erkrankungen auf einem hohen Niveau und sorgen aufgrund ihrer oft langwierigen Verläufe für eine hohe Gesamtzahl an Ausfalltagen.
Ein wesentlicher Faktor ist zudem ein beobachteter Verhaltenswandel in der Belegschaft. Der sogenannte Präsentismus – das Arbeiten trotz bestehender Krankheit – nimmt ab. Arbeitnehmer entscheiden sich häufiger gegen ein Erscheinen im Betrieb, wenn sie sich unwohl fühlen. Diese Entwicklung wird durch die dauerhafte Etablierung von telefonischen Krankschreibungen unterstützt, die den Zugang zu ärztlichen Attesten bei leichten Infekten vereinfachen.
Strukturelle Faktoren und demografische Einflüsse
Die Studie betrachtet auch die Zusammensetzung der Fehlzeiten nach Altersgruppen und Branchen. Ältere Beschäftigte weisen insgesamt mehr Krankheitstage auf, während jüngere Arbeitnehmer zwar häufiger, dafür aber kürzer fehlen.
Strukturell begünstigt der Wandel hin zu Dienstleistungsberufen und die Zunahme von Bildschirmarbeit die Inanspruchnahme von Krankschreibungen für mentale Erholungsphasen. In Berufen mit hoher physischer Belastung bleiben die Fehlzeiten hingegen traditionell hoch, da eine Arbeitsaufnahme bei körperlichen Einschränkungen oft faktisch unmöglich ist.
Perspektiven für die Arbeitswelt
Die Forschenden halten fest, dass die aktuellen Daten eine langfristige Verschiebung im Arbeitsmarkt widerspiegeln könnten. Eine Rückkehr zum niedrigen Krankenstand der 2010er-Jahre erscheint unwahrscheinlich, solange Atemwegsinfekte auf diesem hohen Niveau verbleiben und das Gesundheitsbewusstsein der Beschäftigten steigt. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, ihre Personalplanung an diese neue Realität anzupassen.
Studienleiter des DIW Berlin äußerten sich dazu dahingehend, dass der Anstieg nicht primär auf eine kränkere Bevölkerung hindeute. Vielmehr habe sich die Sensibilität für Infektionsrisiken am Arbeitsplatz geschärft. Man müsse zudem berücksichtigen, dass die telefonische Krankschreibung eine Entlastung für Praxen und Patienten darstelle, was die Hemmschwelle für notwendige Auszeiten senke.
In aller Kürze
Die DIW-Studie analysiert den Rekord-Krankenstand von 15,1 Tagen im Jahr 2023. Hauptursachen sind die Zunahme von Atemwegsinfekten sowie ein gesunkenes Maß an Präsentismus, unterstützt durch die telefonische Krankschreibung.
Ähnliche Themen in dieser Kategorie
Präsenzkultur führt zu Inszenierung von Produktivität Eine aktuelle Untersuchung der Job-Plattform »Indeed« in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut »Appinio« beleuchtet ein verbreitetes Phänomen in der deutschen Arbeitswelt: Zwei Drittel der Beschäftigten geben an …
TK-Stressreport 2025: Deutschland unter Dauerstrom Die psychische Belastung der in Deutschland lebenden Bevölkerung hat eine neue Dimension erreicht. Wie die aktuellen Daten der Techniker Krankenkasse (TK) im Stressreport 2025 verdeutlichen, empfindet ein Großteil der Menschen …
Viele arbeiten trotz Krankheit im Homeoffice Mehr als zwei Drittel der Beschäftigten in Deutschland, die im Homeoffice tätig sind, haben laut einer aktuellen Umfrage bereits krank oder sogar während einer Krankschreibung gearbeitet. Das zeigt der Arbeitssicherheitsreport der …
Neue BAuA-Studie: Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz fördern Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat eine aktuelle Studie zur Förderung der psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz veröffentlicht. Die Studie betont die Bedeutung präventiver …
