Zwischen Homeoffice und Büro: Die Kunst der vorgetäuschten Betriebsamkeit

Themenkreis Arbeitswelt und Beruf (Symbolbild)

Präsenzkultur führt zu Inszenierung von Produktivität

Eine aktuelle Untersuchung der Job-Plattform »Indeed« in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut »Appinio« beleuchtet ein verbreitetes Phänomen in der deutschen Arbeitswelt: Zwei Drittel der Beschäftigten geben an, ihre berufliche Leistungsfähigkeit gezielt zu inszenieren.

Diese Entwicklung steht in engem Zusammenhang mit einer Unternehmenskultur, die physische Anwesenheit und Sichtbarkeit oft höher bewertet als messbare Ergebnisse.

Ursachen für das »Productivity Theater«

Die Erhebung unter 1.000 hybrid arbeitenden Büroangestellten verdeutlicht eine Diskrepanz zwischen Leistungsbewertung und tatsächlichem Output. Rund 56 Prozent der Befragten vertreten die Auffassung, dass Arbeitgeber die Präsenz vor Ort stärker gewichten als die Qualität der erbrachten Arbeit. Um diesem Erwartungsdruck zu entsprechen, greifen viele Angestellte zu verschiedenen Methoden der Selbstdarstellung.

Dazu zählt unter anderem das bewusste Aufrechterhalten des Online-Status im Homeoffice, um Erreichbarkeit zu signalisieren. Auch das Versenden von E-Mails zu ungewöhnlichen Tageszeiten oder das Verbleiben im Büro, solange die Führungskraft anwesend ist, gehören zum Repertoire der Sichtbarkeitsstrategien.

Ein Fünftel der Teilnehmenden gibt zudem an, sich in Besprechungen ohne inhaltlichen Mehrwert zu Wort zu melden, um wahrgenommen zu werden.

Strukturelle Folgen und wirtschaftliche Hintergründe

Dieses Verhalten, oft als »Productivity Theater« bezeichnet, ist primär auf strukturelle Rahmenbedingungen zurückzuführen. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit und eines angespannten Arbeitsmarktes wächst die Sorge um die Jobsicherheit. Die Inszenierung von Betriebsamkeit dient hierbei als Schutzmechanismus, um Engagement vorzutäuschen und die eigene Position zu festigen.

Die Studie weist darauf hin, dass eine einseitige Fokussierung auf die Präsenzkontrolle problematische Signale aussendet. Wenn nicht die Qualität der Ergebnisse, sondern die bloße Sichtbarkeit über den beruflichen Erfolg entscheidet, werden wertvolle Ressourcen für die Selbstdarstellung statt für tatsächliche Wertschöpfung aufgewendet.

Wunsch nach ergebnisorientierter Bewertung

Trotz der weitverbreiteten Inszenierung besteht unter den Beschäftigten ein deutlicher Wunsch nach einem Paradigmenwechsel. Zwei Drittel der Befragten erklären sich bereit, auf einen Teil ihres Gehalts zu verzichten, sofern ihre Leistung ausschließlich an objektiven Ergebnissen gemessen würde. Ein noch höherer Anteil von 70 Prozent würde finanzielle Einbußen für die Möglichkeit akzeptieren, dauerhaft im Homeoffice tätig zu sein.

Diese Bereitschaft zum Gehaltsverzicht unterstreicht die Relevanz einer modernen Führungskultur, die Vertrauen und Ergebnisorientierung in den Mittelpunkt stellt. Unternehmen sind gefordert, ihre Bewertungssysteme zu hinterfragen, um die Motivation zu fördern und die Effizienz realer Arbeitsprozesse nachhaltig zu steigern.

Hintergrund
Im Auftrag von Indeed befragte das Marktforschungsinstitut Appinio im Zeitraum von 09.03.2026 – 17.03.2026 insgesamt 1.000 hybrid arbeitende Beschäftigte in Deutschland im Alter zwischen 16 und 66 Jahren (500 Frauen, 500 Männer, Altersgruppen gleichmäßig verteilt).


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