Mittelstand ohne Nachwuchs? Die stille Krise der dualen Ausbildung
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Fachkräftesicherung gerät in Gefahr
Die duale Berufsausbildung in Deutschland verliert spürbar an Stabilität. Seit 2010 ist die Zahl der Auszubildenden um fast 20 Prozent gesunken. Damit gerät ein zentrales Instrument der Fachkräftesicherung zunehmend unter Druck.
Besonders kleine und mittlere Unternehmen (KMU) ziehen sich aus der Ausbildung zurück. Ohne gezielte Gegenmaßnahmen drohen langfristige Einbußen bei Wettbewerbs- und Transformationsfähigkeit der Wirtschaft.
Schrumpfende Ausbildungszahlen
Im Jahr 2024 befanden sich rund 1,2 Millionen Menschen in einer dualen Ausbildung. 2010 waren es noch etwa 1,5 Millionen. Parallel dazu ging die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber deutlich zurück: von 741.000 im Jahr 2004 auf 444.000 zuletzt. Gleichzeitig stieg die Zahl unbesetzter Ausbildungsstellen auf 477.000. Diese Entwicklung verdeutlicht eine wachsende Lücke zwischen Angebot und Nachfrage.
Als zentrale Ursachen gelten der demografische Wandel sowie die anhaltende Verschiebung hin zu akademischen Bildungswegen. Immer weniger Schulabgängerinnen und Schulabgänger entscheiden sich für eine berufliche Ausbildung, während Betriebe ihren Bedarf kaum decken können.
Mittelstand unter Belastung
Der Mittelstand trägt weiterhin die Hauptlast des Ausbildungssystems. Über 90 Prozent aller Auszubildenden werden in KMU ausgebildet. Dennoch sinkt die Ausbildungsbeteiligung: Der Anteil ausbildender KMU fiel von rund 12 Prozent in den Vorjahren auf 9,1 Prozent im Jahr 2024.
Wirtschaftliche Belastungen bremsen das Engagement. Die Folgen der Corona-Pandemie, gestiegene Energiepreise und hohe Inflation haben die Planungssicherheit vieler Betriebe geschwächt. Besonders Kleinstbetriebe mit weniger als fünf Beschäftigten bilden selten aus. Gründe sind hohe Spezialisierung, begrenzte personelle Ressourcen und fehlende Kapazitäten für Betreuung und Organisation.
Ungenutzte Potenziale erschließen
Zur Stabilisierung des Systems rückt die Mobilisierung bislang unzureichend genutzter Potenziale in den Fokus. Ein wichtiger Ansatz ist die stärkere Einbindung junger Menschen aus dem Ausland. Ihre Zahl in der dualen Ausbildung hat sich seit 2010 auf 151.000 verdoppelt. Damit leisten sie bereits heute einen relevanten Beitrag zur Fachkräftesicherung.
Gleichzeitig besteht Handlungsbedarf im Bildungssystem. Rund ein Drittel der Neuntklässlerinnen und Neuntklässler erreicht aktuell nicht die Mindeststandards in Mathematik. Fehlende Grundkompetenzen erschweren den Einstieg in Ausbildung und erhöhen das Risiko von Abbrüchen.
Durchlässigkeit erhöhen, Betriebe entlasten
Weitere Potenziale liegen in der besseren Verzahnung von Studium und beruflicher Bildung. Etwa 28 Prozent der Studierenden brechen ihr Bachelorstudium ab. Übergänge in eine qualifizierte Ausbildung könnten für diese Gruppe gezielt geöffnet und unterstützt werden.
Auf betrieblicher Ebene gewinnen kooperative Modelle an Bedeutung. »Betriebliche Ausbildungspartnerschaften«, bei denen mehrere Unternehmen Ausbildungsinhalte gemeinsam vermitteln, können insbesondere KMU entlasten. Solche Strukturen erhöhen die Machbarkeit von Ausbildung und stärken zugleich deren Attraktivität.
Resümee
Die duale Berufsausbildung bleibt ein zentraler Pfeiler der Fachkräftesicherung. Damit sie diese Rolle auch künftig erfüllen kann, sind gezielte politische und betriebliche Impulse erforderlich. Entscheidend ist, vorhandene Potenziale konsequent zu erschließen und Betriebe bei ihrer Ausbildungsleistung strukturell zu unterstützen.
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