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Soziale Ausgrenzung: Lehrkräfte würden eher den Mädchen helfen

DIPF 11

Eine aktuelle Studie hat untersucht, welche Rolle das Geschlecht für die Reaktionen von Lehrkräften auf soziale Ausgrenzung unter ihren Schüler*innen spielt.

101 Lehrer*innen wurden nach einer fiktiven Situation befragt. Demnach würden sie einem ausgegrenzten Mädchen eher beispringen als einem Jungen. Ein weiteres Ergebnis: Die weiblichen Lehrkräfte lehnen soziale Ausgrenzung noch stärker ab als ihre männlichen Kollegen, würden aber dennoch nicht häufiger eingreifen.

Die Studie wurde vom DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation sowie der Universität Konstanz und der Universität Mannheim durchgeführt.

Schüler*innen erleben immer wieder soziale Ausgrenzung. Das kann von Auslachen über fehlenden Gruppenanschluss bis zu gezieltem Mobbing reichen. Dadurch leidet ein psychologisches Grundbedürfnis der Kinder und Jugendlichen: das Zugehörigkeitsgefühl. Dies kann sich wiederum negativ auf ihre gesamte Entwicklung auswirken. Lehrkräfte können durch ihr Eingreifen in Situationen sozialer Ausgrenzung helfen und vermitteln, mischen sich dennoch nicht immer ein.

Aber unter welchen Voraussetzungen entscheiden sich Lehrer*innen für ein Eingreifen? Dieser Frage sind bereits einige wissenschaftliche Studien nachgegangen. Um diese bestehenden Befunde zu vertiefen, hat sich die neue Studie des DIPF sowie der Universitäten in Konstanz und Mannheim darauf konzentriert, welche Rolle das Geschlecht bei der Intervention spielt. Dabei ging es sowohl um das Geschlecht der Lehrkräfte als auch das der jeweils betroffenen Schüler*innen. »Da die Geschlechter unterschiedlich sozialisiert werden und an Jungen und Mädchen auch verschiedene soziale Erwartungen gerichtet werden, wollten wir in einem ersten Schritt herausfinden, ob sich je nach Geschlecht von Lehrkraft oder Schüler*in unterschiedliche Reaktionen der Lehrer*innen zeigen«, erläutert Dr. Hanna Beißert vom DIPF. Sie ist die Erstautorin eines aktuellen Beitrags in der Fachzeitschrift »Frontiers in Education«, in dem die neue Studie vorgestellt wird.

Lukas und Julia werden ausgegrenzt

Das verantwortliche wissenschaftliche Team hat diese Fragen mit einer Untersuchungsgruppe von insgesamt 101 teilnehmenden Lehrer*innen von unterschiedlichen Schulen und mit unterschiedlicher Berufserfahrung in den Blick genommen. Ihnen allen wurde ein Text über ein fiktives Szenario sozialer Ausgrenzung in der Schule vorgelegt, bei dem eine Lerngruppe eine*n Mitschüler*in nicht dabeihaben will. Allerdings hieß die in dem Szenario ausgegrenzte Person bei etwa der Hälfte der an der Studie Teilnehmenden Lukas, die restlichen Lehrkräfte lasen von einer Julia, die ausgeschlossen wird. Anschließend beantworteten alle Lehrer*innen einen Fragenkatalog. Sie sollten unter anderem auf Skalen einordnen, wie sie das ausgrenzende Verhalten der Schüler*innengruppe bewerten und wie wahrscheinlich es ist, dass sie in der Situation eingreifen würden.

Im Ergebnis fiel ein Befund besonders ins Auge: Im Schnitt besteht zwar bei allen Lehrkräften eine Tendenz, in die Situation einzugreifen. Bei einem ausgeschlossenen Jungen sind die Lehrer*innen aber deutlich unentschlossener als bei den Mädchen, wo die Lehrerkräfte sehr stark dazu neigen, zu intervenieren. »Es fällt auf, dass diese unterschiedlichen Reaktionen zu bestimmten sozialen Zuschreibungen passen, auch wenn wir diese Erklärung aus unserer Untersuchung nicht gesichert ableiten können«, so Bildungsforscherin Beißert. Zu solchen Stereotypen gehört beispielsweise, dass Mädchen schutzbedürftiger und Jungen widerstandsfähiger seien. Ein weiteres augenfälliges Ergebnis der Studie: Auch wenn alle Lehrer*innen soziale Ausgrenzung insgesamt deutlich ablehnten, war diese Haltung bei den Frauen unter ihnen noch stärker ausgeprägt. Entgegen den Erwartungen des wissenschaftlichen Teams führte dieser Unterschied aber nicht zu verschiedenen Reaktionen: Die weiblichen Lehrkräfte würden dennoch nicht häufiger eingreifen als ihre männlichen Kollegen. Möglicherweise, durch die aktuellen Befunde aber noch nicht belegbar, spiele auch hier die Sozialisation der Lehrer*innen eine Rolle, so Dr. Beißert.

Folge-Untersuchungen und Implikationen für die Praxis

Die genauen Gründe für das geschlechtsspezifisch unterschiedliche Verhalten der Lehrkräfte und dabei die Rolle von Sozialisation und sozialen Zuschreibungen muss in weiteren wissenschaftlichen Arbeiten erforscht werden. Auch ist die Aussagekraft der aktuellen Studie eingeschränkt, da die Ergebnisse auf einem fiktiven Szenario und auf Aussagen der Lehrer*innen über ihre möglichen Reaktionen beruhen. Die Befunde könnten beispielsweise durch Erhebungen im echten Schulalltag erhärtet werden. Dennoch sieht die Forscherin des DIPF in den aktuellen Befunden bereits wertvolle Fingerzeige für die Schulpraxis: »Die unterschiedlichen Reaktionen der Lehrkräfte bei Mädchen und Jungen erfolgen ja oft nicht mit Absicht, sondern unbewusst. Daher kann es hilfreich sein, dafür zu sensibilisieren, dass auch Jungen unter sozialer Ausgrenzung leiden und es sich lohnen könnte, bei ihnen eher einzugreifen, als man das gewohnt ist.«

Der Fachartikel, in dem das verantwortliche wissenschaftliche Team die Studie beschreibt, ist im Open Access veröffentlicht und damit frei zugänglich.

 

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