Mehrfachbelastungen von Kitas mit Kindern aus sozioökonomisch benachteiligten Familien

FES2

Zugang und Qualität in der frühkindlichen Bildung

Kitas stehen vor erheblichen Herausforderungen, wenn sie Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien betreuen. Der Zugang zu und die Nutzung von Kitas weisen deutliche soziale Ungleichheiten auf, die die Bildungs- und Entwicklungschancen der betroffenen Kinder beeinträchtigen können.

Dies ist eine der wesentlichen Erkenntnisse der Studie von Schieler und Menzel (2024), die eine detaillierte Analyse der Mehrfachbelastungen von Kitas in sozioökonomisch schwierigen Lagen vorlegt.

Ungleicher Zugang zu Kitas

Kinder aus sozial benachteiligten Familien besuchen seltener Kitas. Hübener et al. (2023) zeigen, dass trotz des gesetzlichen Anspruchs auf einen Kita-Platz weiterhin Unterschiede in der Nutzung bestehen, die auf sozioökonomische und demografische Merkmale zurückzuführen sind.

Insbesondere Familien mit niedrigem Bildungsniveau, Armutsgefährdung oder Migrationshintergrund haben geringere Chancen auf einen Kita-Platz. Diese Ungleichheiten im Zugang stehen im Widerspruch zum Ziel, Bildungsbenachteiligungen durch frühkindliche Bildung abzubauen.

Qualität der Betreuung: Herausforderungen und Unterschiede

Stahl (2015) und andere Studien verdeutlichen, dass die Qualität der Kitas stark variiert. Einrichtungen, die viele Kinder aus benachteiligten Familien betreuen, haben häufig eine niedrigere Prozessqualität.

Gründe hierfür sind unter anderem ein höherer Anteil von Kindern mit Förderbedarf, nicht deutscher Familiensprache oder Fluchthintergrund. Diese Kinder benötigen besondere Unterstützung, die in benachteiligten Kitas oft nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung steht.

Mehrfachbelastungen der Einrichtungen

Kitas in benachteiligten Lagen stehen vor geballten Herausforderungen. Neben einem höheren Bedarf an qualifiziertem Personal sehen sie sich mit einer Vielzahl von strukturellen Defiziten konfrontiert.

Diese umfassen eine unzureichende personelle und finanzielle Ausstattung, häufigere Personalausfälle und ein geringeres Angebot an Ganztagsplätzen, wie die Analyse von Schieler und Menzel (2024) zeigt. Solche Bedingungen erschweren die Bereitstellung einer qualitativ hochwertigen Bildung und Betreuung.

Maßnahmen zur Verbesserung der Chancengleichheit

Um die beschriebenen Ungleichheiten und Belastungen zu mindern, bedarf es gezielter politischer Maßnahmen:

  1. Stärkung der personellen Ausstattung
    Kitas in benachteiligten Lagen benötigen mehr und besser qualifiziertes Personal. Dies umfasst auch die Fort- und Weiterbildung in inklusiven und kultursensiblen pädagogischen Ansätzen.
  2. Finanzielle Unterstützung
    Eine einkommensabhängige Staffelung der Kita-Gebühren und zusätzliche Mittel für Kitas in sozial benachteiligten Gebieten können die finanzielle Belastung für Familien verringern und die Qualität der Betreuung erhöhen.
  3. Räumliche und materielle Ausstattung
    Eine bessere räumliche Ausstattung, inklusive der Nutzung von Naturräumen, sowie ausreichende Materialien für eine anregende Lernumgebung sind essenziell.
  4. Kooperation und Vernetzung
    Eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Kitas, Jugendämtern und anderen sozialen Einrichtungen kann die Unterstützung von Kindern und Familien verbessern.
  5. Zentrale Anmeldeverfahren und sozial gerechte Platzvergabe
    Diese können dazu beitragen, Segregation zu vermeiden und benachteiligten Familien den Zugang zu Kitas zu erleichtern.

Ausblick: Der Weg zur Bildungsgerechtigkeit

Um echte Chancengleichheit zu erreichen, müssen die strukturellen Benachteiligungen von Kitas mit hohem Anteil an sozial benachteiligten Kindern angegangen werden.

Die politische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit sollte verstärkt auf die Verbesserung der Rahmenbedingungen und die gezielte Unterstützung dieser Einrichtungen gerichtet sein. Nur so kann sichergestellt werden, dass alle Kinder unabhängig von ihrem sozioökonomischen Hintergrund die gleichen Chancen auf eine gute Bildung und Entwicklung erhalten.

Zitierte Quellen

Hübener et al. (2023)
Hübener, M., Spiess, C. K., Stahl, J. F., & Berger, L. (2023). Frühe Ungleichheiten: Sozioökonomische Disparitäten in der Nutzung von Kindertageseinrichtungen. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

Stahl (2015)
Stahl, J. F. (2015). Sozioökonomische Herkunft und Kita-Qualität: Eine Analyse der Zusammenhänge. Bildungsforschung, 32(1), 1-20.

Schieler, A., & Menzel, D. (2024)
Schieler, A., & Menzel, D. (2024). Kitas 2. Klasse? Mehrfachbelastungen von Kitas mit Kindern aus sozioökonomisch benachteiligten Familien. Friedrich-Ebert-Stiftung.


  VERWEISE  


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