Geschlechterrollen und ihr Einfluss auf die Lohnstruktur
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Lohnunterschiede durch Persönlichkeitsmerkmale und Geschlechterrollen
Die geschlechtsspezifische Verdienstlücke in Deutschland, der sogenannte »Gender Pay Gap«, liegt aktuell bei rund 16 Prozent. Neben etablierten Faktoren wie der Berufswahl, dem Beschäftigungsumfang oder der hierarchischen Position beeinflussen auch individuelle Persönlichkeitsmerkmale die Höhe des Bruttostundenlohns.
Eine aktuelle Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) auf Basis von Daten des Sozio-oekonomischen Panels zeigt, dass bestimmte Charakterzüge bei Männern und Frauen systematisch unterschiedlich vergütet werden. Besonders deutlich wird dies bei der emotionalen Stabilität und der Verträglichkeit.
Zusammenhang zwischen Charakter und Entlohnung
Emotionale Stabilität, die Eigenschaften wie Selbstsicherheit, Belastbarkeit in Stresssituationen und Ausgeglichenheit beschreibt, wirkt sich grundsätzlich positiv auf das Einkommen aus. Im Gegensatz dazu korreliert eine ausgeprägte Verträglichkeit – definiert durch Hilfsbereitschaft, Empathie sowie Harmonie- und Kooperationsorientierung – tendenziell negativ mit der Lohnhöhe.
Aus der Untersuchung wird deutlich, dass diese Zusammenhänge bei Männern etwa doppelt so stark ausgeprägt sind als bei Frauen. Während Männer für eine hohe emotionale Stabilität deutlich höhere Löhne erzielen, fallen bei ihnen die finanziellen Einbußen durch eine hohe Verträglichkeit auch wesentlich massiver aus.
Einfluss gesellschaftlicher Erwartungshaltungen
Die Ursachen für diese differenzierte Honorierung liegen mutmaßlich in tief verwurzelten Geschlechterstereotypen. In der Arbeitswelt werden Verhaltensweisen, die dem traditionellen männlichen Rollenbild entsprechen, wie etwa Durchsetzungsstärke und emotionale Unerschütterlichkeit, oft finanziell belohnt.
Frauen hingegen werden häufiger mit dem Merkmal der Verträglichkeit assoziiert. Da dieses Merkmal jedoch am Arbeitsmarkt geringer geschätzt wird, trägt dies zur Verfestigung der Lohnlücke bei. Interessanterweise profitieren Frauen weniger stark von emotionaler Stabilität, während sie bei einer starken Ausprägung von Verträglichkeit geringere Lohnabschläge hinnehmen müssen als Männer.
Strukturelle Perspektiven für die Bildungspolitik
Diese Ergebnisse verdeutlichen die gesellschaftliche Relevanz von Rollenbildern für die ökonomische Gleichstellung. Um geschlechtsspezifische Lohnunterschiede langfristig zu reduzieren, erscheint der Abbau von Stereotypen bereits in der schulischen und beruflichen Bildung notwendig.
Eine Sensibilisierung für die unterschiedliche Bewertung von Persönlichkeitsmerkmalen könnte dazu beitragen, Evaluierungsprozesse und Gehaltsstrukturen in Unternehmen objektiver zu gestalten. Eine Förderung, die individuelle Stärken unabhängig von Geschlechterzuschreibungen in den Fokus rückt, unterstützt eine faire Teilhabe am Arbeitsmarkt.
VERWEISE
- Studie im DIW Wochenbericht 9/2026 ...
- vgl.: »Gender Pay Gap: Entwicklung durch regionale Unterschiede geprägt« ...
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