Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Große Lücke in Stellenangeboten

work life balance2Bertelsmann-Studie: Familienfreundliche Jobs sind selten

Unternehmen werben oft mit Familienfreundlichkeit, doch Stellenanzeigen zeigen ein anderes Bild. Nur 16,4 Prozent der Jobangebote im Jahr 2024 versprechen familienfreundliche Bedingungen, obwohl 86 Prozent der Firmen dies offiziell bejahen.

Flexible Arbeitszeiten sind eher selten: Nur 14 Prozent der Anzeigen erlauben die freie Wahl des Arbeitsumfangs, 25 Prozent bieten flexible Stundenverteilung. Gleichzeitig fordern viele Jobs hohe Flexibilität, Schichtarbeit oder Dienstreisen, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erschwert.

Familienfreundlichkeit bleibt oft Lippenbekenntnis

Trotz Fachkräftemangel zeigen die meisten Stellenanzeigen kein klares Bekenntnis zur Familienfreundlichkeit. Eric Thode, Bertelsmann-Arbeitsmarktexperte, betont, dass Unternehmen, die im Wettbewerb um Talente bestehen wollen, flexible Arbeitszeitmodelle wirklich umsetzen müssen, statt sie nur anzupreisen. Die Realität zeige, dass nur wenige Arbeitgeber Unterstützung bei der Kinderbetreuung oder ähnlichen familienfreundlichen Angeboten bieten.

Vereinbarkeit? Fehlanzeige!

Starke Unterschiede zwischen Frauen- und Männerberufen

Besonders deutlich ist die ungleiche Verteilung von familienfreundlichen Angeboten zwischen frauen- und männerdominierten Berufen. Jobs in traditionell weiblich geprägten Bereichen wie Altenpflege oder Sozialarbeit erlauben in fast einem Viertel der Fälle flexible Arbeitszeitmodelle.

In männerdominierten Berufen liegt dieser Anteil nur bei sieben Prozent. Zudem stellen letztere deutlich höhere Anforderungen an Flexibilität, Schichtdienste und Mobilität, was die Vereinbarkeit erschwere. Arbeitsmarktexpertin Michaela Hermann konstatiert dies als einen Nachteil für Frauen und kritisiert die anhaltende geschlechtsspezifische Berufsbündelung und ungleiche Sorgeverteilung.

Qualifikation beeinflusst Familienfreundlichkeit

Berufe, die einen Masterabschluss erfordern, sind flexibler und bieten mehr familienfreundliche Konditionen. Dort können 33 Prozent der Stellenanzeigen flexible Arbeitszeiten bieten, während es bei Helfer*innen ohne Abschluss nur 14 Prozent sind.

Arbeitgeber erwarten von hochqualifizierten Fachkräften mehr Mobilität und Flexibilität, bieten ihnen zugleich aber mehr Freiheiten. Niedrigqualifizierte und Fachkräfte mit abgeschlossener Ausbildung sind im Nachteil. Michaela Hermann hebt hervor, dass auch für diese Gruppen familienfreundliche Arbeitsbedingungen ein wichtiger Faktor zur Mitarbeitersicherung wären.

Hintergrund
Die Analyse der Bertelsmann Stiftung basiert auf einer umfassenden Vollerhebung von rund 8 Millionen Stellenanzeigen aus dem Jahr 2024 sowie einem Stichprobenvergleich seit 2018. Sie verwendet das eigens entwickelte Family Compatibility Modell und stützt sich ergänzend auf den Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2023 vom IW Köln. 


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