Fachkräftemangel als Fortschrittsbremse

 Fachkräfte

Der Fachkräftemangel bleibt nach Energie-und Klimakrise die größte Herausforderung für die deutsche Wirtschaft.

Für die Bewältigung der dafür notwendigen infrastrukturellen Aufgaben fehlt massiv geschultes Personal. Darin waren sich am Mittwoch Sachverständige aus Industrie, Wissenschaft und Gewerkschaft während eines öffentlichen Expertengesprächs des Bundestagsausschusses für Bildung,Forschung und Technologieabschätzung« einig. Der Fachkräftemangel drohe zu einer »Transformationsbremse« zu werden, heißt es.

Zwei Millionen offene Stellen und 400 000 mehr Menschen, die in Rente gehen werden als aus der Schule in den Berufsbereich einmünden, machten deutlich, so Achim Dercks vom Deutschen Industrie-und Handelstag (DIHK), dass sich der Fachkräftemangel noch verschärfe. Berufliche Bildung müsse hier gegensteuern.

Leider habe die duale Ausbildung durch Corona einen Einbruch erlebt, sodass in Folge der Pandemie zehn Prozent weniger Ausbildungsstellen in den Betrieben angeboten worden seien. Umso wichtiger sei es, betonte Dercks als Vertreter der Arbeitgeber, junge Menschen mit »hochwertigen« Angeboten für eine qualifizierte berufliche Ausbildung zu motivieren. Hier plane der DIHK für das kommende Jahr eine eigene Kampagne, die nicht nur die Jugendlichen, sondern auch deren Eltern ansprechen solle.

Politik müsse »genau hinsehen, wo die Engpässe tatsächlich liegen«. Darauf wies Professor Hubert Ertl vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) hin. Ertl sieht diese nicht nur bei den Berufen der neuen Schlüsseltechnologien, sondern ebenso in der Pflege und bei der Erziehung, auch im Baugewerbe sowie bei den Gebäude- und versorgungstechnischen Berufen. Gelinge es nicht, in diesen Bereichen umzusteuern, verschärfe sich der Mangel dort weiter.

Sorge bereitet dem Wissenschaftler zudem der Rückgang der Nachfrage nach dualer Ausbildung. Nach Auffassung Ertls könnten Unternehmen stärker bei jungen Leuten damit werben, dass ihre Branchen auch für den Umwelt-und Klimaschutz produzieren. Das BIBB will mit einer Kampagne für zukunftsrelevante Berufsfelder junge Menschen für diese Ausbildungen gewinnen. Die Kampagne soll eingebettet sein in die »Strategie der Bundesregierung zur Fachkräftesicherung«.

Katharina Hölzl, Professorin für Arbeitswissenschaft an der Universität Stuttgart und am Fraunhofer Institut IAO, kritisierte mit Blick auf die Schlüsseltechnologien vor allem die Hochschulen. Für die Nutzung digitaler Technologien bedürfe es, so Hölzl, »ganz anderer Fähigkeiten«, als sie bisher gelehrt würden. Es müssten sogenannte »future skills« vermittelt werden.

Unter »future skills« versteht die Wissenschaftlerin, »unternehmerisch denken und handeln zu können« sowie in der Lage zu sein, die »Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen«. Dafür müssten »die Curricula anders ausgerichtet sein, als sie es aktuell sind«. Studiengänge müssten daher reformiert werden, weil nicht mehr »zeitgemäß«.

Hölzl bedauerte in dem Zusammenhang, dass sich derzeit junge Menschen offensichtlich eine Ausbildung in den MINT-Berufen weniger zutrauten. So sei allein an der Universität Stuttgart ein Rückgang von 50 Prozent in diesen Studiengängen zu verzeichnen.

»Wir werden auf unserem Fachkräftemangel allerdings sitzen bleiben, wenn es nicht gelingt, Schülerinnen und Schüler, die auf der Strecke bleiben, mit in die Berufsausbildung zu integrieren«, sorgte sich stattdessen Jan Krüger vom Hauptvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Auch im vergangenen Jahr seien zirka 230.000 junge Menschen im Übergangssystem gelandet, in dem kein berufsqualifizierender Abschluss erlangt werden könne. Beim Übergang von Schule zur Ausbildung müsse der Staat deshalb dafür sorgen, dass »kein junger Mensch verloren geht«. Dazu gehöre zum Beispiel der qualitative und quantitative Ausbau von Jugendberufsagenturen, die eine »assistierte Begleitung« in die Ausbildung ermöglichen sollen. Ziel müsse immer der Berufsabschluss bleiben.

Um Geschlechterklischees bei der Berufswahl vorzubeugen, sollte die Wirtschaft nicht nur eine andere Arbeitszeit-, sondern auch eine andere Unternehmenskultur etablieren, appellierte der Gewerkschafter an die Arbeitgeber.

Des Weiteren sei eine lebensbegleitende Weiterbildung gesetzlich zu verankern, die es den Fachkräften ermögliche, sich jederzeit weiter zu qualifizieren oder ,wenn nötig, beruflich neu zu starten. Darüber hinaus ließe sich der Fachkräftebedarf besser sichern, indem die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse vereinfacht und beschleunigt würde. Krüger sieht hier den Gesetzgeber in der Pflicht.


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