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Alterung und Arbeitsmarkt: Auswirkungen weniger dramatisch als vielfach befürchtet

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Als »Babyboomer« werden Menschen aus den geburtenstarken Jahrgängen der 1950er und 1960er Jahre bezeichnet. Diese Generation beginnt gegenwärtig aus Altersgründen aus dem Erwerbsleben auszuscheiden. In den nächsten beiden Jahrzehnten werden in Deutschland insgesamt über 20 Millionen Menschen das Ruhestandsalter erreichen. Im selben Zeitraum werden nur etwa 14 Millionen Menschen das erwerbsfähige Alter erreichen. Hierdurch ist ein deutlicher Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zu erwarten, der auch durch Zuwanderung nicht verhindert werden kann.

Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) hat auf Basis aktuellster Zahlen zur zukünftigen Bevölkerungsentwicklung untersucht, welche Konsequenzen der Rückgang der Personen im erwerbsfähigen Alter für das Arbeitsangebot in Deutschland haben wird.

 

Demografische Zahlen vermitteln dramatisches Bild

Aus demografischer Sicht hat Deutschland von der Alterung der Bevölkerung bislang eher profitiert, da sie zu einem günstigen Verhältnis zwischen erwerbstätigen Personen (Beschäftigte) und abhängigen Personen (Kinder, Rentnerinnen und Rentner) beigetragen hat. Wenn die stark besetzten Jahrgänge der Babyboomer in den 2020er und 2030er Jahren in den Ruhestand gehen werden, wird sich diese Konstellation jedoch verändern. Verstärkt wird diese Entwicklung dadurch, dass die in das erwerbsfähige Alter eintretende Generation deutlich kleiner sein wird als diejenige, welche aus Altersgründen austritt. Hierdurch ergibt sich das Bild einer aufklaffenden demografischen Lücke.

 

 

BiB Abb1



Dies verdeutlicht Abbildung 1 anhand des jährlichen Unterschieds zwischen den das 67. Lebensjahr erreichenden Personen und den Personen, die das 18. Lebensjahr vollenden. Die demografische Lücke wird in den nächsten Jahren stark ansteigen und ihr größtes Ausmaß mit gut einer halben Million Personen pro Jahr um 2030 erreichen.

 

Mehrere Schlüsselfaktoren wirken Rückgang des Arbeitsangebots entgegen

Gegenwärtig gibt es mit rund 44,8 Millionen Menschen so viele Erwerbstätige wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Während die demografischen Zahlen das Bild eines bevorstehenden Arbeitskräftemangels vermitteln, wirken mehrere Schlüsselfaktoren dieser Entwicklung entgegen. Hierzu zählen der Anstieg bei der Frauenerwerbstätigkeit, der Anstieg bei der Erwerbsbeteiligung von Älteren und die Erhöhung des formalen Bildungsniveaus der Bevölkerung.

Die Erwerbsbeteiligung der 60- bis 64-Jährigen ist seit 2004 von 25 % auf 58 % gestiegen. Damit nimmt Deutschland aktuell in der Europäischen Union bei den Erwerbstätigenquoten von Personen zwischen 60 und 64 Jahren einen Spitzenplatz ein. Nur Schweden verzeichnet mit 68 % einen höheren Wert. Ebenfalls gestiegen ist die Erwerbsbeteiligung der 65- bis 67-Jährigen. Auch die Erwerbstätigenquote von Frauen ist in Deutschland zwischen 2004 und 2018 deutlich gestiegen: bezogen auf die 18- bis 67-Jährigen von 59 % auf 73 %. Diese Zunahme beruht auf einer gestiegenen Erwerbsbeteiligung von Frauen in allen Altersgruppen, sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland. Zwei Entwicklungen sind für diesen Anstieg maßgeblich: Erstens, die Zunahme von Teilzeitbeschäftigungen, wobei sich die Zahl von Frauen in Vollzeit kaum verändert hat. Zweitens, der Anstieg der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von Frauen mit minderjährigen Kindern im Haushalt.

»Aussagekräftiger als die Erwerbsquoten ist jedoch die Zahl der insgesamt erbrachten Arbeitsstunden. Sie sind letztendlich für das tatsächliche Arbeitsvolumen relevant. Eine Erhöhung der geleisteten Arbeitszeit pro Kopf der Personen im erwerbsfähigen Alter kann wesentlich dazu beitragen, die demografisch entstehende Personallücke zu verringern«, erklärt Prof. Dr. Norbert F. Schneider, Direktor am BiB.

 

 

BiB Abb2



Faktisch wurden in allen Altersgruppen zwischen 2004 und 2017 Zuwächse bei den wöchentlichen Arbeitsstunden je Person in diesem Alter verzeichnet (vgl. Abbildung 2). Besonders stark fiel der Anstieg in der Altersgruppe der 60- bis 64-Jährigen aus. Hier hat sich die Zahl der geleisteten wöchentlichen Arbeitszeit im Schnitt von 11,2 auf 21,6 Stunden fast verdoppelt. Die Zuwächse bei den jüngeren Altersgruppen erklären sich überwiegend durch eine erhöhte Frauenerwerbsbeteiligung. Diese Entwicklungen haben mit dazu beigetragen, dass die Gesamtsumme aller geleisteten Arbeitsstunden in Deutschland erheblich gewachsen ist; sie stieg zwischen 2004 und 2017 von 1,29 auf nunmehr 1,45 Mrd. Wochenstunden.

Für Vorausberechnungen der zukünftigen Erwerbsbeteiligung und des künftigen Arbeitsvolumens ist auch die Entwicklung des Bildungsniveaus der Bevölkerung von hoher Bedeutung. Dies rührt daher, dass sich die Anzahl der geleisteten wöchentlichen Arbeitsstunden pro Kopf nach Bildungsstand deutlich unterscheidet:
»Während Personen von 30 bis 59 Jahren mit niedriger Bildung im Schnitt 21 Stunden pro Woche pro Kopf arbeiten, beträgt der Wert bei Personen mit mittlerer Bildung 30 Stunden und bei Personen mit hoher Bildung 36 Stunden«, betont Forschungsgruppenleiterin Dr. Elke Loichinger. Gleichzeitig setzt sich der Wandel der Bildungsstruktur der Bevölkerung fort: Während heute nur 26 % der 60- bis 64-Jährigen über einen höheren Bildungsabschluss verfügen, werden dies in zwanzig Jahren 29 % und in dreißig Jahren 34 % sein. Der Anstieg des Anteils an höher Gebildeten fällt bei Frauen stärker aus als bei Männern.

 

Ergebnisse der BiB-Vorausberechnungen bis 2030

Arbeitsvolumen: Stabilität statt Rückgang

Für eine Einschätzung des zukünftigen Arbeitsvolumens hat das BiB eine Vorausberechnung bis 2030 durchgeführt. Diese basiert auf der neuen 14. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes und aktuellen Auswertungen aus dem Mikrozensus. Die Berechnungen für 2030 berücksichtigen verschiedene Szenarien. Je nach Szenario wird die Gesamtzahl der gearbeiteten Stunden pro Woche nahezu gleich bleiben oder nur leicht sinken (vgl. Abbildung 3). 

 

 

 BiB Abb3

 

Eine Steigerung der Frauenerwerbstätigkeit in Kombination mit einem weiteren Anstieg der Erwerbstätigkeit bei Personen über 55 Jahren bieten das Potenzial, die durch die Verrentung der Babyboomer entstehenden Lücken weitgehend zu schließen (Szenario 3). Auf Basis der Vorausberechnungen wird die Anzahl der von höher gebildeten Personen geleisteten Stunden weiter ansteigen, während sich Rückgänge bei Personen mit mittlerer und niedriger Bildung konzentrieren. So wirkt die Bildungsexpansion der letzten Jahrzehnte negativen Folgen der Alterung entgegen, da sie die Anzahl der geleisteten Stunden positiv beeinflusst und Potenziale für weitere Steigerungen der Pro-Kopf-Produktivität birgt.

 

Alterung am Arbeitsmarkt weitgehend abgeschlossen

In der Diskussion über die Folgen des demografischen Wandels werden alternde Belegschaften oftmals als ein Problem für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands angesehen. Auch diesbezüglich zeigen die Berechnungen, dass in den kommenden Jahren keine dramatischen Entwicklungen zu erwarten sind. Dabei wird nicht das Durchschnittsalter der Erwerbstätigen betrachtet, sondern das pro geleistete Arbeitsstunde ermittelte Durchschnittsalter der Berufstätigen. Dies berücksichtigt unter anderem, dass jüngere Personen pro Kopf mehr Arbeitsstunden erbringen als ältere. Zwischen 2004 und 2017 stieg das so errechnete Durchschnittsalter erheblich von 41,9 auf 44,1 Jahre an. Bis 2030 kommt es dagegen in keinem der Szenarien zu einem weiteren deutlichen Anstieg (die Werte des Durchschnittsalters variieren zwischen 44,3 und 45,2 Jahren).

Zusammenfassend ist festzustellen, dass durch die Alterung der Babyboomer – zumindest bis 2030 – nicht mit einem starken Rückgang des Angebots an Arbeitsstunden zu rechnen ist. Die Anzahl der von höher gebildeten Personen geleisteten Stunden wird sogar noch weiter ansteigen. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass die Entwicklung des Arbeitsangebots branchenspezifisch und regional stark variieren kann. »Insgesamt scheinen die Auswirkungen der alternden Gesellschaft auf das Arbeitsangebot geringer zu sein als ein Blick auf die demografischen Zahlen zunächst vermuten lässt«, resümiert Forschungsdirektor Dr. Sebastian Klüsener vom BiB.

 

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