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Meinungsbildung bei Verschwörungstheoretikern von Experten und Laien unbeeinflusst

Uni Mainz

Studien untersuchen den Zusammenhang von Verschwörungsmentalität und dem Vertrauen in Experten- und Laienmeinungen am Beispiel von Geschichtsereignissen 

Bei offenen Fragen und kontroversen Themen halten die meisten Menschen die Meinung eines Experten für glaubwürdiger als die eines Laien. Menschen, die Verschwörungstheorien anhängen, machen genau dies nicht. »Für sie ist jede Information gleich gut«, sagt Prof. Dr. Roland Imhoff von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Der Befund ist überraschend. Eigentlich hätten die Wissenschaftler vom Psychologischen Institut der JGU bei ihrer Untersuchung eher damit gerechnet, dass Menschen mit einer Verschwörungsmentalität den Ansichten von Laien mehr Glauben schenken. Das jetzige Befundmuster hat sich allerdings über vier Studien hinweg durchgezogen. Dafür hatten die Psychologen um Roland Imhoff insgesamt 1160 Versuchsteilnehmer in Deutschland und in den USA befragt.

»Fake News« und »Alternative Fakten« sind in kurzer Zeit zu gängigen Vokabeln geworden. Sie stehen oft in engem Zusammenhang mit Verschwörungstheorien, die sich gegen eine sogenannte Machtelite wenden, die diesen Einschätzungen zufolge die öffentliche Debatte und damit schlussendlich auch politische oder wirtschaftliche Entscheidungen maßgeblich prägt. Angesichts dieser Entwicklung ist bereits von der Dämmerung eines »post-faktischen Zeitalters« die Rede, und es werden Überlegungen angestellt, wie man den Falschinformationen begegnen könnte. »Wir gehen über diese sehr praktischen Bedenken hinaus und behaupten, dass es zunächst einmal wichtig ist, die Faktoren zu kennen, anhand derer etwas als glaubwürdig oder auch als nicht glaubwürdig eingestuft wird«, so Imhoff.

Menschen ohne Verschwörungsmentalität setzen auf Expertenmeinung

Zusammen mit Pia Lamberty von der JGU und Prof. Dr. Olivier Klein von der Université Libre de Bruxelles hat er die These untersucht, dass Menschen mit Verschwörungsmentalität - definiert als Personen, die denken, die Welt werde von Verschwörungen regiert – sehr wahrscheinlich einer mit Macht assoziierten Expertenmeinung misstrauen im Vergleich zu einer Laienmeinung, die nicht mit einer Machtposition verknüpft ist. »Das generalisierte Misstrauen gegenüber Machtpositionen ist bei Verschwörungstheoretikern relativ stark verankert«, erklärt Imhoff mit einem Verweis auf frühere Studien zu diesem Thema.

Um ihre Hypothese zu testen, suchten sich die Wissenschaftler zwei Vorfälle aus der jüngeren Geschichte aus: deutsche Kriegsverbrechen beim Einmarsch in Belgien 1914 und Vergehen von US-Soldaten bei der Besetzung von Nazi-Deutschland im Oktober 1944. Für beide Ereignisse wurden dann zwei Versionen entwickelt, die die Vergehen realistisch beziehungsweise verharmlosend darstellten. Die Wehrmachtsfrage wurde mit Probanden aus Deutschland und die Rolle der US-Soldaten mit Versuchsteilnehmern in zwei Studien in den USA untersucht. Dabei wurden die verschiedenen Ansichten mal von Experten und mal von Laienhistorikern vertreten.

Menschen, die keinen Verschwörungstheorien anhängen, finden die Position glaubwürdiger, die Experten vertreten, lautet ein Ergebnis der Studie. Überraschend aber ist das andere Ergebnis: Entgegen den Erwartungen von Imhoff und seinen Kollegen folgen Menschen mit ausgeprägter Verschwörungsmentalität nicht der Laienmeinung. »Die Haltung der Verschwörungstheoretiker kehrt sich nicht um, sondern sie machen keinen Unterschied zwischen Laien und Experten«, so Imhoff. »Das widerspricht dem häufig gezeichneten Bild, dass Personen mit einer Verschwörungsmentalität kognitiven Verzerrungen unterliegen.« Eine Information auf YouTube ist demnach genauso glaubwürdig – oder unglaubwürdig – wie ein FAZ-Beitrag. Diese extreme Position findet sich am äußeren Ende der Skala, also bei den größten Anhängern von Verschwörungstheorien.

Dass das Ausmaß des Vertrauens in eine identische Information von der Quelle abhängig sein kann, erscheint nach Auffassung von Roland Imhoff jedoch nur auf den ersten Blick als eine Verzerrung der Wahrnehmung. »Tatsächlich sind Menschen«, so Imhoff, »in komplexen Informationsgesellschaften darauf angewiesen, bestimmten Informationen zu vertrauen, einfach nur, weil sie von einer bestimmten Quelle stammen.« Ob es um die Berechnungen zu menschenverursachtem Klimawandel geht, um Berichte aus Krisengebieten oder die Wirksamkeit bestimmter Behandlungsmethoden, wir seien abhängig von einem Gesellschaftsvertrag des Wissens – uns bleibe wenig anderes übrig, als bestimmten Institutionen wie multinationalen Forschungsteams, Qualitätsmedien oder WissenschaftlerInnen zu vertrauen. Verschwörungstheoretiker tun dies offenkundig nicht oder nicht mehr.

Bibliographie
Roland Imhoff, Pia Lamberty, Oliver Klein
Using Power as a Negative Cue: How Conspiracy Mentality Affects Epistemic Trust in Sources of Historical Knowledge
Personality and Social Psychology Bulletin, 2. Mai 2018
DOI: 10.1177/0146167218768779