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Stoppt den Kampf zwischen Ausbildung und Studium. Wir brauchen mehr Qualifizierte!

Dieter DohmenEin Beitrag aus unserer »Standpunkte«-Reihe von Dr. Dieter Dohmen, Berlin. 

Die Meldung passt gut in die Zeit und bedient den Mainstream: den Betrieben gehen die Azubis aus; es nehmen mehr junge Menschen ein Studium auf als eine Berufsausbildung. Die Analyse ist zweifelhaft und weist den Weg in die falsche Richtung.

Die Alarmisten und Kämpfer wider den Akademisierungswahn werden sich von der Studie »Nachschulische Bildung 2030« der Bertelsmann-Stiftung bestätigt sehen: Nur noch 400.000 Azubis im Jahr 2030, aber 475.000 Studienanfänger - also langfristig mehr Studienanfänger als Auszubildende. Auch wenn die Stiftung mit der ersten Zahl eine Prognose bestätigt, die das FiBS vor einem Jahr vorgelegt hat (bei der zweiten Zahl liegen wir erheblich niedriger), können die Schlussfolgerungen für zukünftige Wege kaum weiter auseinanderliegen. Die Aussage, dass es mehr Studienanfänger als Auszubildende gäbe, ist bereits für die Vergangenheit nicht korrekt, und wird es nach unseren Prognosen auch in Zukunft bleiben. Zuletzt haben rund 730.000 junge Menschen eine berufliche Ausbildung begonnen, 500.000 ein Studium - letzteres ist zudem eine temporäre »Übertreibung« aufgrund des Zusammentreffens besonderer Umstände: doppelte Abiturjahrgänge, Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes. Übersehen wird dabei zudem, dass zugleich noch nie so viele Studienberechtigte eine Berufsausbildung angefangen haben wie zurzeit.

Mehr noch: um den zukünftigen Bedarf des Arbeitsmarktes an Akademikern wie beruflich Qualifizierten zu decken, muss die Zahl der Studienanfänger schnellstmöglich auf 575.000 (aktuell: 505.000) und die Zahl der neuen Auszubildenden auf 675.000 (aktuell: 520.000) erhöht werden! Darüber hinaus benötigen wir zukünftig auch mehr Erzieherinnen und Pflegekräfte. Diese Zahlen belegen eindrucksvoll, dass die Berufsausbildung auch in Zukunft größer und wichtiger bleiben wird als die Hochschulen. Man muss, richtigerweise, nur duale und schulische Berufsausbildung zusammen betrachten und denken.

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Dr. Dieter Dohmen ist Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) in Berlin.

Wenn durch solche Analysen - wie auch durch die Diskussion über einen angeblichen Akademisierungswahn - ein Konkurrenzkampf zwischen beruflicher und hochschulischer Ausbildung herbeigeredet wird, dann übersieht dies völlig, dass Deutschland insgesamt seinen Nachwuchs deutlich besser qualifizieren muss. Prognosen verweisen für das Jahr 2030 auf einen Mangel an beruflich und hochschulisch Qualifizierten. Die Frage darf also nicht lauten, mehr Studis oder mehr Azubis? Sondern sie muss lauten, wie sorgen wir dafür, dass der Anteil von 20 Prozent funktionalen Analphabeten - das sind Jugendliche und Erwachsene, die nicht richtig rechnen, schreiben und lesen können - erheblich reduziert wird, damit die Betriebe mehr Azubis einstellen können? Es ist ein Armutszeugnis für ein Bildungssystem, das Weltspitze sein muss, wenn es nicht in der Lage ist, fast allen jungen Menschen das Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Diese Zahlen verändern sich übrigens seit Jahrzehnten nicht und sorgen dafür, dass es zu viele Geringqualifizierte in Deutschland gibt. Zur »Wahrheit« gehört aber auch, dass die Schulen das nicht alleine leisten können, es braucht ein übergreifendes Netzwerk, aus Familien-, Kinder- und Jugendhilfe, Sportvereinen, Musikschulen und vielen anderen mehr. Hier sind zwar richtige Schritte in die Wege geleitet worden, aber die Geschwindigkeit muss deutlich - und zwar bundesweit, und nicht nur in Modellkommunen - erhöht werden.

Kurzum: Lasst uns nicht über den Verteilungskampf zwischen Ausbildung und Studium diskutieren, sondern darüber, wie wir es schaffen, ein leistungsfähigeres Bildungssystem aufzubauen, damit mehr Jugendliche eine Berufsausbildung und mehr Studienberechtigte ein Studium aufnehmen und erfolgreich abschließen. Zur Antwort auf diese Frage gehört unter anderem auch, dass die Bildungsausgaben massiv erhöht werden müssen - nach unseren Berechnungen müssen sie um über 50 Milliarden Euro pro Jahr steigen. Dies ist ein Betrag, den die öffentliche Hand nicht alleine schultern kann - ein privat finanzierter Qualifizierungsfonds könnte hier helfen. Er setzt jedoch voraus, dass die öffentliche Hand bereit ist, den Fonds anschließend an den öffentlichen Erträgen zu beteiligen. So wird eine Win-Win-Situation für beide Seiten daraus und die Bildungsrepublik Deutschland Wirklichkeit.

In unserer Reihe »Standpunkte« bieten wir von Zeit zu Zeit engagierten Akteuren aus den Bereichen Weiterbildung, Personalentwicklung und Wissensmanagement die Möglichkeit, sich mit einem aktuellen Thema an unsere Leser zu wenden. Unabhängig vom jeweiligen Inhalt weisen wir darauf hin, dass diese Artikel ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors wiedergeben und nicht zwangsläufig mit der Auffassung der Redaktion in Einklang zu bringen sind.