Mindful Leadership: Achtsame Führung in einem komplexen Umfeld

Uwe Reusche 2 Ein Beitrag aus unserer »Standpunkte«-Reihe von Uwe Reusche, Höhr-Grenzhausen.

Um auf die Herausforderungen der modernen Arbeitswelt adäquat zu reagieren, sollten Führungskräfte lernen, ihre gewohnten Reiz-Reaktionsmuster bewusst zu durchbrechen. Mindful Leadership hilft dabei.

Die Digitalisierung und ihre Auswirkungen fordern auch die Führungskräfte der Unternehmen mit einem breiten Spektrum von teils neuen Herausforderungen. Ihre Aufgaben verändern sich rasch und damit die Anforderungen an eine »gute Führung«.

Neben der Geschwindigkeit, Komplexität und Aufgabendichte, steigen auch die Erwartungen an die Mitarbeiterführung. In diesem Prozess verlieren viele Führungskräfte zunehmend die gesunde Balance zwischen der Arbeit und anderen Aspekten des Lebens – auch weil die ständige Erreichbarkeit, in ihrem Berufs- und Privatleben, ihr Gehirn rund um die Uhr mit einer Vielzahl von Informationen flutet.

Deshalb stellt sich für Führungskräfte die Frage: Wie kann ich angesichts dieser Realität noch

  • den Durchblick bewahren,
  • meine Mitarbeiter im Dschungel der Veränderungen motivieren und navigieren und zugleich
  • die Freude an meinem Job behalten?

Achtsam führen in der neuen, agilen Arbeitsweit

Mindful Leadership bzw. auf Deutsch »Achtsame Führung« bietet eine nachhaltige Orientierung auf dem Weg in eine neue, agile Arbeitswelt. »Mindfulness«, also Achtsamkeit, ist eine besondere Form der Konzentration, bei der man bewusst wahrnimmt, was im Moment ist und geschieht, ohne dies zunächst zu beurteilen.

Die positiven Wirkungen von Achtsamkeit auf die geistigen und körperlichen Vorgänge sind inzwischen wissenschaftlich belegt. Ein wichtiger Vorreiter in diesem Bereich war Prof. Dr. Jon Kabat-Zinn, ein emeritierter Professor der University of Massachusetts Medical School in Worcester, mit seinem Programm MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction). MBSR ist ein 8-wöchiges, wissenschaftlich fundiertes achtsamkeitsbasiertes Trainingsprogramm, um nachhaltig besser mit Stress und den eigenen Herausforderungen im Leben umzugehen. Hauptinhalte sind verschiedene Formen der Meditation und die Entwicklung von Achtsamkeit im Alltag.

Entwickelt wurde das Programm in den 70iger Jahren von Jon Kabat-Zinn und seinem Team an der University of Massachusetts. Seitdem wird es weltweit mit großem Erfolg angewendet. Umfangreiche wissenschaftliche Forschungen belegen seine positiven Wirkungen. Die Effekte sind nicht nur auf der psychologischen, sondern auch neuronalen Ebene (Gehirnstrukturen verändern sich positiv) nachweisbar.

Die Selbststeuerungsfähigkeit erhöhen

Im Zentrum des Programms steht die Entwicklung der Selbststeuerungsfähigkeit der eigenen Aufmerksamkeit. Die Präsenz im Moment ermöglicht es, wahrzunehmen, was im eigenen Bewusstsein geschieht, und unbewusst wirkende Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster zu bemerken und außer Kraft zu setzen. Durch diese Form des Bewusstseins-Managements entsteht der Raum für Neues, Kreatives sowie ein der Situation angepasstes Verhalten in Führungssituationen, denn: Zwischen dem Reiz und der Reaktion vergeht eine kleine Zeitspanne. In ihr besteht für uns die Möglichkeit, unsere Antwort bzw. Reaktion auf den Reiz bewusst zu wählen. Die achtsame Wahrnehmung dieses inneren Prozesses ermöglicht es, der eigenen kraftvollen Intuition zu folgen.

 

Reusche   GrundverständnisAblauf von unbewussten Verhaltensmustern

 

Mindfulness in Unternehmen

Auch den Unternehmen bietet eine Steigerung der Achtsamkeit ihrer Führungskräfte vielversprechende Möglichkeiten. Durch Mindful Leadership können Führungsaufgaben authentischer, besser und erfolgreicher wahrgenommen werden. Die positive Wirkung auch für Unternehmen erkannte Google bereits 2007 und etablierte unternehmensweit ein sehr erfolgreiches Programm namens »Search inside yourself«: eine Art Achtsamkeits-Programm.

Viele deutsche Unternehmen, wie SAP,  BASF, Bosch oder Continental, folgten diesem Beispiel. Auch mittelständische Unternehmen haben inzwischen die Wirkung von Achtsamkeit für sich entdeckt und bieten ihren Führungskräften (und Mitarbeitern) spezielle Programme und Trainings an.

Ein kaum selbst-reflektives und sich seiner negativen (Neben-)Wirkungen nicht bewusstes Führungsverhalten kann für Unternehmen teuer werden, denn es hat starke Auswirkungen auf ihren Erfolg. Studien belegen unter anderem seinen negativen Einfluss auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter, deren Engagement und Produktivität sowie die Fehlzeiten und Fluktuation. Durch ein achtsamkeit-basiertes Leadership-Programm kann nicht nur der Stresslevel des Einzelnen reduziert werden, sondern können auch viele andere positive Wirkungen für den Unternehmenserfolg erzielt werden.

Die positiven Wirkungen einer erhöhten Achtsamkeit

Genannt seien folgende positiven Wirkungen:

Unternehmen:

  • höhere Produktivität aufgrund effektiverer Führungsarbeit,
  • höhere Motivation und Zufriedenheit im Team,
  • verbesserte Work-life-balance und weniger krankheitsbedingte Fehltage,
  • qualitativ höherwertige (Projekt-)Arbeit durch ein vernetzteres proaktives Handeln,
  • höhere Arbeitsidentifikation aufgrund eines mitarbeiterorientierten Betriebsklimas

Führungskraft:Reusche   Kasten

  • Konzentrationsfähigkeit, Intuition und Kreativität steigen,
  • Aufbau nachhaltiger Stressbewältigungsstrategien (die Fähigkeit, äußerem Druck standzuhalten, steigt; mehr Gelassenheit im beruflichen Alltag),
  • bessere Kenntnis der eigenen Gefühle und Bedürfnisse (verbesserte Selbst- und Fremdwahrnehmung),
  • Ausbau wichtiger Führungskompetenzen (u.a. Emotionale Intelligenz, verantwortungsvolles Handeln, Entscheidungskompetenz, proaktives Verhalten),
  • höhere Empathie, Stärkung der sozialen Fähigkeiten und der Netzwerk-Kompetenz,
  • konstruktiver Umgang mit Misserfolgen,
  • flexiblerer Umgang mit (neuen) Herausforderungen, höhere Changekompetenz,
  • erhöhte Präsenz und Fokussierung als Führungskraft (und dadurch eine stärkere Ausstrahlung als Person, eine höhere persönliche Authentizität),
  • flexibleres Denken, mutiger und schneller beim Entscheiden.

Bessere Führung durch bessere Selbstführung

Vor ein, zwei Jahrzehnten wirkte das Thema Achtsamkeit noch exotisch und esoterisch, heute ist Achtsamkeit eine wissenschaftlich belegte, bedeutende Führungskompetenz. Mindful Leadership ermöglicht es, herausfordernde Situationen neu wahrzunehmen und deshalb neue, kreative Problemlösungen und Verhaltensweisen zu finden. Es fördert zudem folgende wichtigen Führungskompetenzen:

  • proaktive Changekompetenz,
  • Selbstführung,
  • Lösungs- und Prozesskompetenz,
  • emotionale Intelligenz/Authentizität,
  • Netzwerkkompetenz sowie
  • Kreativität/Innovationsfähigkeit.

Die Basis für eine achtsame Führung ist eine bewusste Selbstführung. Achtsame Führungskräfte sind klar bezüglich ihrer Selbst und ihrer Werte, Einstellungen und Motive. Um eine nachhaltige Veränderung im Verhalten zu bewirken, bedarf es Zeit und ein regelmäßiges Üben.

Die eigene vertiefte Achtsamkeitspraxis ist der Schlüssel zum Erfolg. Das heißt konkret, täglich 20 Minuten in sich selbst zu investieren und sich Zeit zu nehmen für die eigene Achtsamkeitspraxis (z.B. Meditation).

Gute Führung ist in erster Linie eine Frage der Qualität der dem Handeln zugrunde liegenden Bewusstseinsprozesse. Deshalb sollte ein Mindful Leadership Programm genau dort ansetzen: nämlich bei der bewussten Selbststreuung und Selbstführung. Aus dem achtsamen Umgang mit sich können dann Handlungsprinzipien für den persönlichen Führungsalltag abgeleitet werden.


 


Uwe Reusche 2

 
Uwe Reusche ist einer der beiden Geschäftsführer des ifsm Institut für Sales & Managementberatung, Höhr-Grenzhausen (bei Koblenz) (www.ifsm-online.com).
 

 

 
 
 
In unserer Reihe »Standpunkte« bieten wir von Zeit zu Zeit engagierten Akteuren aus den Bereichen Weiterbildung, Personalentwicklung und Wissensmanagement die Möglichkeit, sich mit einem aktuellen Thema an unsere Leser zu wenden. Unabhängig vom jeweiligen Inhalt weisen wir darauf hin, dass diese Artikel ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors wiedergeben und nicht zwangsläufig mit der Auffassung der Redaktion in Einklang zu bringen sind.

 

 

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