Wissenschaftliche Zuverlässigkeit durch Transparenz bei der Datenanalyse
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Variabilität in der Forschung: Warum Datenanalysen trotz identischer Basis divergieren
Die Zuverlässigkeit sozial- und verhaltenswissenschaftlicher Ergebnisse hängt maßgeblich von den individuellen methodischen Entscheidungen der Forschenden ab.
Eine internationale Untersuchung unter Beteiligung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) belegt, dass identische Datensätze bei der Bearbeitung durch verschiedene Teams zu voneinander abweichenden Schlussfolgerungen führen können.
Die in der Fachzeitschrift »Nature« publizierte Studie mit dem Titel »Investigating the analytical robustness of the social and behavioural sciences« rückt damit die sogenannte analytische Variabilität in den Fokus der wissenschaftspolitischen Debatte. Objektivität resultiert demnach nicht aus einer isolierten Analyse, sondern aus der Offenlegung des gesamten Spektrums plausibler methodischer Alternativen.
Methodik und Umfang der Untersuchung
Im Rahmen des Programms »Systematizing Confidence in Open Research and Evidence« (SCORE) werteten 457 unabhängige Fachkräfte weltweit Daten aus 100 bereits veröffentlichten Studien erneut aus. Insgesamt wurden 504 Re-Analysen durchgeführt, wobei alle Beteiligten dieselben Ausgangsdaten und Forschungsfragen erhielten.
Die methodische Ausgestaltung der Analysen lag jedoch im Ermessen der jeweiligen Wissenschaftsgruppen. Dieser Aufbau ermöglichte es, den Einfluss subjektiver Ermessensspielräume auf die statistischen Endwerte isoliert zu betrachten.
Ursachen für divergierende Ergebnisse
Empirische Forschungsprozesse erfordern fortlaufend wertende Entscheidungen, die von der Datenbereinigung über die Definition von Variablen bis hin zur Wahl statistischer Modelle und Softwareanwendungen reichen. Diese Vielzahl an Weichenstellungen summiert sich zur analytischen Variabilität. Die Untersuchung zeigt auf, dass Effektstärken und Unsicherheitsgrade selbst dann erheblich schwanken, wenn die grundlegende Tendenz der Originalstudie bestätigt wird. Lediglich in einem Drittel der untersuchten Fälle stimmten alle Analysen vollständig mit den ursprünglichen Ergebnissen überein.
Besonders auffällig ist der Zusammenhang zwischen dem Studiendesign und der Robustheit der Daten. Während experimentelle Anordnungen stabilere Resultate lieferten, erwiesen sich Beobachtungsstudien als anfälliger für Abweichungen. Komplexere Datenstrukturen vergrößern offenbar den Spielraum für unterschiedliche Interpretationen und statistische Pfade.
Perspektiven für eine robuste Forschungskultur
Die festgestellten Diskrepanzen sind nicht auf mangelnde Expertise zurückzuführen, da auch erfahrene Fachkräfte zu unterschiedlichen Resultaten gelangten. Vielmehr verdeutlichen sie die Grenzen der gängigen Praxis, in der meist nur ein einzelner Analyseweg veröffentlicht wird. Diese Reduktion kann zu einem übersteigerten Vertrauen in wissenschaftliche Einzelaussagen führen, ohne die inhärente empirische Unsicherheit abzubilden.
Zur Stärkung der wissenschaftlichen Belastbarkeit wird der verstärkte Einsatz von »Multiversum«-Ansätzen sowie Analysen durch mehrere unabhängige Teams empfohlen. Solche Verfahren machen sichtbar, wie stabil Schlussfolgerungen gegenüber methodischen Variationen tatsächlich sind. Ziel ist eine wissenschaftliche Kommunikation, die den Raum plausibler Alternativen systematisch einbezieht, anstatt eine vermeintlich einzige Wahrheit zu postulieren.
VERWEISE
- Die in Nature veröffentlichte Studie ist hier verfügbar: https://doi.org/10.1038/s41586-025-09844-9 ...
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