Wie die digitale Kindheit unser Verständnis von Erziehung verändert

LIfM

Digitale Kindheit neu vermessen

Die Langzeitstudie »Conkids« des Hans-Bredow-Instituts in Zusammenarbeit mit der FAU Erlangen-Nürnberg zeigt grundlegende Verschiebungen im Aufwachsen der jungen Generation. Entscheidend ist nicht mehr die reine Bildschirmzeit, sondern ein tiefgreifender Wandel der sozialen Beziehungen und der Medienlogiken, die den Alltag von Kindern prägen.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Peers, Plattformen und Algorithmen heute zentrale Einflussfaktoren sind.

Früher Einfluss der Peers

Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass der Einfluss von Gleichaltrigen deutlich früher einsetzt als in früheren Generationen.

Die Autor*innen stellen heraus, dass dieser Wandel »früher und intensiver« verlaufe und die familiäre Prägung relativiere. Digitale Kommunikation löst räumliche Grenzen auf und macht Smartphones zum Eintrittsticket in die soziale Welt. Die Peer-Kommunikation wird damit schon im Grundschulalter zur Bühne für Identitätsentwicklung.

 

Digitales AufwachsenDiese Abbildung wurde aus dem Artikelkontext per KI generiert

 

Individualisierte Medienbiografien

Die Studie widerspricht der Vorstellung einer einheitlichen digitalen Kindheit. Nach dem ersten Smartphone entwickeln Kinder höchst unterschiedliche Medienwege.

Die Studienautor*innen sprechen von einer »Pluralisierung der Medienensembles«. Jede Medienbiografie entsteht durch Interessen, Peers und familiäre Bedingungen und führt zu einzigartigen Nutzungsprofilen.

Plattformisierte Familienrealität

Digitale Plattformen strukturieren zunehmend den Familienalltag. Die Studie beschreibt dies als »Plattformisierung der Familie«. Dienste wie WhatsApp, Google oder Netflix ermöglichen zwar effiziente Koordination, erzeugen aber auch neue Konflikte um Wissen, Kontrolle und Verantwortlichkeiten.

Eine Analyse anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fasst diese Entwicklung zusammen, indem sie hervorhebt, dass sich Vorstellungen darüber, was »gute« Erziehung sei, zunehmend durch Daten und Metriken definierten.

Das unsichtbare Daten-Geschäft

Kostenlose Apps beruhen häufig auf einer »transaktionalen Beziehung«, bei der Kinder mit Daten statt mit Geld bezahlen. »Dark Patterns« verleiten dazu, mehr Zeit oder Informationen preiszugeben als beabsichtigt.

Diese Mechanismen bleiben meist unbemerkt, stärken jedoch die Marktmacht großer Plattformen. Damit verschiebt sich die Debatte von der reinen Nutzungsdauer hin zur Frage, wer diese Nutzung gestaltet und welche Interessen dahinterstehen.

KI als neuer sozialer Akteur

KI-Systeme wie ChatGPT oder »MyAI« werden schnell zu selbstverständlichen Begleitern im Alltag. Kinder schreiben ihnen zunehmend eine eigene Handlungsfähigkeit zu. Die Autor*innen sehen darin einen neuen »kommunikativen Akteur«, der die soziale Welt erweitert. Mit dem Aufkommen von AI-Companions entsteht ein neuer Knotenpunkt im sozialen Netzwerk eines Kindes.

Die langfristigen Folgen dieses Wandels sind offen, markieren jedoch eine zentrale Verschiebung in der Sozialisation.

Fazit: Neuordnung der Kindheit

Die Studie unterstreicht, dass digitale Sozialisation komplex und vielschichtig ist. Sie verändert Beziehungen in Familien, unter Gleichaltrigen und zwischen Kindern und globalen Plattformen. Die Ergebnisse fordern dazu auf, Schutz- und Entwicklungsräume neu zu definieren.

Entscheidend wird sein, wie Gesellschaft, Politik und Bildung Systeme gestalten, die Kinder in einer digitalisierten Welt stärken.

Hintergrund
Die Studie basiert auf einem Sample von insgesamt 32 Familien aus Nord- und Süddeutschland. Neben den Kindern wurde jeweils auch ein Elternteil befragt. Bis 2021 wurden zwei Erhebungen durchgeführt. Mit einem Teilsample (12 Familien aus der älteren Kohorte) wurde überdies eine Adhoc-Befragung zur Situation während der Covid-19-Pandemie im Juli 2020 durchgeführt. 


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