Einsamkeit unter jungen Erwachsenen – ein unterschätztes Risiko

Einsamkeit als demokratiepolitische Herausforderung: Junge Menschen zwischen Isolation und Engagement
In Deutschland fühlt sich fast jede*r zweite junge Erwachsene zwischen 16 und 30 Jahren zumindest zeitweise einsam. Besonders betroffen sind Menschen ohne Arbeit, mit niedrigem Bildungsabschluss, Migrationsgeschichte oder junge Frauen.
Die Bertelsmann Stiftung warnt in einer Studie: Einsamkeit ist nicht nur ein soziales Problem, sondern bedroht auch die Demokratie. Wer sich dauerhaft isoliert fühlt, verliert das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit und in politische Institutionen.
Politisches Interesse bleibt – doch das Gefühl der Ohnmacht wächst
Die Studie zeigt: Einsame junge Menschen interessieren sich genauso für Politik wie ihre nicht einsamen Altersgenoss*innen.
Dennoch glauben nur 16 Prozent der stark Einsamen, durch ihr eigenes Handeln etwas in ihrer Gemeinde oder Stadt verändern zu können. Bei den nicht Einsamen sind es immerhin 25 Prozent.
Das mangelnde Vertrauen in die eigene Wirkungskraft geht mit einer wachsenden Skepsis gegenüber Politik und Demokratie einher. So sind 63 Prozent der stark Einsamen mit der Demokratie unzufrieden, während dieser Wert bei nicht Einsamen bei 41 Prozent liegt.
Folgen: Rückzug, Misstrauen und Anfälligkeit für Populismus
Bleibt Einsamkeit unbeachtet, droht ein schleichender Rückzug aus demokratischen Prozessen. Junge Menschen, die sich nicht gehört fühlen, beteiligen sich seltener an Wahlen oder zivilgesellschaftlichem Engagement. Gleichzeitig wächst das Misstrauen gegenüber Politiker*innen – auf lokaler wie auf Bundesebene.
Einsame junge Erwachsene sind zudem empfänglicher für populistische oder autoritäre Narrative, die einfache Lösungen und Zugehörigkeit versprechen.
Engagement trotz Hürden – Zugehörigkeit als Schlüssel
Trotz aller Barrieren engagieren sich viele einsame junge Menschen, sofern sie soziale Anerkennung und Zugehörigkeit erleben. Besonders motivierend wirken offene Begegnungsräume, in denen sie sich akzeptiert fühlen. Digitale Formate können Brücken bauen, wenn sie niedrigschwellig und zielgruppengerecht gestaltet sind.
Entscheidend ist, dass politische Beteiligung nicht nur informiert, sondern persönliche Ansprache und Begleitung bietet – etwa durch Peer-to-Peer-Ansätze oder lokale Initiativen.
Empfehlungen: Einsamkeit als Querschnittsaufgabe anerkennen
Die Studienautor*innen fordern, Einsamkeit als strukturelle Barriere für gesellschaftliche Teilhabe zu begreifen. Politik sollte:
- Einsamkeit als politische Querschnittsaufgabe behandeln und kommunale Strategien entwickeln
- Selbstwirksamkeit durch echte Mitgestaltung stärken, etwa über Jugendräte oder Beteiligungsbudgets
- Offene Begegnungsräume (»dritte Orte«) sichern und ausbauen
- Digitale Beteiligungsformate niedrigschwellig und moderiert anbieten
- Besonders betroffene Gruppen gezielt ansprechen, etwa durch Mentoring und Vertrauensstrukturen
Fazit: Demokratische Teilhabe stärken, Einsamkeit bekämpfen
Die Ergebnisse legen nahe, dass Einsamkeit langfristig zu politischer Entfremdung führen kann. Entscheidend ist, jungen Menschen echte Mitgestaltung zu ermöglichen und ihnen zu zeigen, dass ihr Engagement Wirkung hat.
Nur so kann verhindert werden, dass eine ganze Generation das Vertrauen in Demokratie und Gesellschaft verliert.
VERWEISE
- Zur Studie »Jung, einsam – und engagiert?« ...
- siehe auch: »Jugendstudie: Soziale Teilhabe ist für Kinder und Jugendliche zentral« ...
- Bundesweite Aktionswoche gegen Einsamkeit ...
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