Lebensarbeitszeit in Deutschland hängt stark vom Bildungsabschluss ab
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Bildung als Motor einer langen Erwerbsphase
Zwei Personen starten in das Berufsleben: Die eine nimmt nach der Schule sofort eine praktische Tätigkeit auf, die andere entscheidet sich für ein langes Studium. Auf den ersten Blick liegt die Vermutung nahe, dass die Person mit der kürzeren Ausbildung insgesamt mehr Arbeitsjahre im Leben ansammelt. Die tatsächliche Entwicklung im Laufe des Lebens verläuft jedoch häufig entgegengesetzt, wie aktuelle demografische Analysen darlegen.
Ausbildung steuert die Erwerbsdauer
Ein hoher Bildungsgrad geht in Deutschland mit einer verlängerten Lebensarbeitszeit einher. Der Indikator der »Lebensarbeitszeit« erfasst als kombinierte Messgröße sowohl die Erwerbsquote als auch die tatsächliche wöchentliche Arbeitszeit.
Eine Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) analysiert diese Dynamiken umfassend. Wer über einen Hochschulabschluss verfügt, verbleibt im Durchschnitt am längsten im Berufsleben.
Personen mit mittleren oder niedrigen Abschlüssen weisen hingegen geringere Werte auf. Zudem besteht weiterhin ein erheblicher Abstand zwischen den Geschlechtern, obwohl erwerbstätige Frauen in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich aufgeholt haben.
Aktuelle Daten für das Jahr 2025 beziffern die Lebensarbeitszeit hochgebildeter Männer auf durchschnittlich 40,6 Jahre. Damit übertreffen sie Männer mit einem niedrigen Bildungsniveau um mehr als neun Jahre, deren Wert bei 31,3 Jahren liegt. Bei den Frauen fällt diese Diskrepanz noch deutlicher aus: Hochgebildete Frauen kommen auf eine Lebensarbeitszeit von 31,9 Jahren, während Frauen mit geringer Bildung lediglich 17,9 Jahre erreichen – ein Unterschied von 14 Jahren. Über alle Bildungsschichten hinweg beläuft sich der Durchschnitt bei Männern auf 38,8 Jahre, bei Frauen auf 28,8 Jahre.
Langfristige Trends im historischen Verlauf
Die historische Betrachtung seit dem Jahr 1991 weist eine wechselhafte Entwicklung aus. Nach der Wiedervereinigung sank die Lebensarbeitszeit in Deutschland zunächst und erreichte um das Jahr 2005 einen Tiefpunkt. Seither ist ein kontinuierlicher Anstieg zu verzeichnen. Dennoch verlaufen die Kurven der einzelnen Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich.
Frauen mit mittlerer Bildung verzeichnen den stärksten Zuwachs aller Gruppen. Ihre Lebensarbeitszeit stieg von 25,7 Jahren im Jahr 1991 auf 29,7 Jahre im Jahr 2025. Auch hochgebildete Frauen legten von 30,8 auf 31,9 Jahre zu. Dagegen verloren Frauen mit niedriger Bildung an Boden: Ihr Wert sank von 20,2 Jahren im Jahr 1991 auf zuletzt 17,9 Jahre.
Ein ähnliches Bild bietet sich bei den Männern. Während hochgebildete Männer mit 40,6 Jahren das Niveau von 1991 (40,4 Jahre) leicht übertreffen, rutschten Männer mit niedrigem Bildungsabschluss ab. Ihr Wert sank von 36,0 Jahren auf 31,3 Jahre. Gering qualifizierte Personen verloren somit in den letzten Jahrzehnten im Vergleich zu den anderen Gruppen erheblich an Lebensarbeitszeit.
Ursachen für den Bildungsvorsprung
Die Ursachen für diese Unterschiede liegen primär in der Struktur des Arbeitsmarktes. Der BiB-Wissenschaftler Harun Sulak führt die längere Erwerbsphase von Akademikern vor allem auf deren beständig hohe Erwerbstätigenquoten zurück. Zusammen mit einer höheren wöchentlichen Arbeitszeit kompensiere dies den späteren Einstieg in den Beruf, der durch lange Ausbildungszeiten entstehe. Ein Studium führe somit nicht zwangsläufig zu einer verkürzten Lebensarbeitszeit.
Dagegen hänge die Beschäftigung von Personen mit geringerer Qualifikation weitaus stärker von der wirtschaftlichen Konjunktur ab. Ihre Erwerbsbiografien weisen folglich häufiger Unterbrechungen auf, beispielsweise durch Phasen der Arbeitslosigkeit.
Potenziale zur Stabilisierung der Sozialsysteme
Im Gesamtdurchschnitt liegt die Lebensarbeitszeit heute bei 33,8 Jahren. Damit übertrifft sie den Wert von 1991, der bei 32,1 Jahren lag, um mehr als anderthalb Jahre. Dieser Anstieg trägt dazu bei, das Arbeitskräftepotenzial besser auszuschöpfen, was angesichts des demografischen Wandels die sozialen Sicherungssysteme stützt. Die Untersuchung basiert auf der Publikation »Trends in working life expectancy and untapped employment potential in an ageing population: The case of Germany« im European Journal of Population (2026).
Wissenschaftliche Schätzungen verweisen auf ungenutzte Spielräume insbesondere bei Frauen, älteren Arbeitskräften sowie bei gering qualifizierten jüngeren und mittleren Altersgruppen. Um diese Potenziale zu heben, bedarf es gezielter Maßnahmen.
Der Mitautor der Studie, Sebastian Klüsener vom BiB, erläutert, dass eine verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide Geschlechter weiterhin eine Schlüsselrolle einnehme. Für ältere Beschäftigte seien zudem ein wirksamer Arbeitsschutz zur Erhaltung der Gesundheit sowie Angebote zum lebenslangen Lernen von hoher Bedeutung.
In aller Kürze
Eine Studie von BiB und MPIDR weist nach: Ein höherer Bildungsgrad verlängert die Lebensarbeitszeit in Deutschland deutlich. Während Hochgebildete länger erwerbstätig sind, fallen Geringqualifizierte weiter zurück.
VERWEISE
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