Lebenslanges Lernen als Antwort auf den demografischen Wandel

Themenkreis Demografie und Alternde Belegschaften (Symbolbild)

Bildung kennt kein Alter: UNESCO-Studie zum Reskilling ab 50

Die globale Alterung der Gesellschaft erfordert eine grundlegende Neuausrichtung der Bildungssysteme, um die soziale und ökonomische Teilhabe älterer Erwachsener dauerhaft zu sichern.

Ein aktueller Forschungsbericht des UNESCO Institute for Lifelong Learning (UIL) und der Shanghai Open University analysiert Strategien zur beruflichen Neuorientierung (»Reskilling«) und zur Erweiterung bestehender Kompetenzen (»Upskilling«) in fünf verschiedenen Ländern.

Dabei zeigt sich, dass lebenslanges Lernen weit über rein wirtschaftliche Notwendigkeiten hinausgeht; es ist ein Instrument zur Selbstverwirklichung, zur Förderung der kognitiven Gesundheit und zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Strategische Ansätze in der internationalen Praxis

Die Untersuchung beleuchtet länderspezifische Modelle, die unterschiedliche Schwerpunkte in der Bildungsarbeit mit Menschen ab 50 Jahren setzen. In Singapur wird ein kooperativer Ansatz verfolgt, bei dem die Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgeber in einer Tripartite-Struktur zusammenarbeiten, um ältere Erwerbstätige durch gezielte Betriebstrainings fit für den digitalen Wandel zu machen. Demgegenüber konzentriert sich Japan mit dem »Rikkyo Second Stage College« auf ein akademisches Modell, das ältere Menschen bei der Transition in ehrenamtliche oder gemeinschaftsorientierte Tätigkeiten unterstützt.

In Schweden ist das System des lebenslangen Lernens fest in die allgemeinen Bildungsstrukturen integriert. Durch staatliche finanzielle Unterstützung, wie die »Reskilling Studies Support« (Omställningsstudiestöd), erhalten ältere Erwachsene die Möglichkeit, sich auch in fortgeschrittenen Karrierephasen beruflich neu zu orientieren. In Kolumbien hingegen liegt ein starker Fokus auf der Förderung von Unternehmertum. Die dortige »Senior University« vermittelt älteren Erwachsenen spezifische Kompetenzen für den Aufbau eigener Start-ups, um der oftmals unzureichenden sozialen Absicherung durch alternative Einkommensquellen zu begegnen.

Barrieren und pädagogische Herausforderungen

Trotz der positiven Beispiele identifiziert der Bericht signifikante Hürden, die den Zugang zu Bildung im Alter erschweren. Finanzielle Belastungen, mangelnde digitale Kompetenzen und institutionelle Unflexibilität gehören zu den häufigsten Hindernissen. Ein zentrales Problem stellt zudem der Altersismus dar – Vorurteile und Diskriminierung aufgrund des Lebensalters, die sowohl in Bildungseinrichtungen als auch auf dem Arbeitsmarkt existieren. Viele ältere Menschen haben zudem negative Selbstbilder verinnerlicht und zweifeln an ihrer eigenen Lernfähigkeit, wenn sie lange Zeit dem formalen Bildungssystem ferngeblieben sind.

Die pädagogische Gestaltung muss daher das Konzept des »Relearning«, also des Wiedererlernens des Lernens, in den Mittelpunkt stellen. Dies beinhaltet auch das Aufbrechen traditioneller hierarchischer Denkmuster, die oft durch jahrzehntelange Berufserfahrung geprägt sind. Erfolgreiche Programme nutzen Ansätze der Geragogik – einer speziellen Pädagogik für ältere Lernende –, die auf Erfahrungswissen aufbauen und praxisnahe, handlungsorientierte Lernformen bevorzugen.

Perspektiven für eine inklusive Bildungszukunft

Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass Bildung im Alter eine koordinierte Zusammenarbeit aller gesellschaftlichen Akteure erfordert. Es wird empfohlen, nationale Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Zugang zu Bildungskrediten und Zuschüssen auch für ältere Jahrgänge öffnen, wie es das schwedische Beispiel zeigt. Ebenso wichtig ist die Förderung des intergenerationellen Lernens, bei dem Jung und Alt voneinander profitieren und gegenseitige Vorurteile abbauen.

Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Einbindung digitaler Technologien. Während die Digitalisierung ältere Menschen vor Herausforderungen stellt, bietet sie gleichzeitig neue Möglichkeiten für flexibles, ortsunabhängiges Lernen.

Die Unterstützung durch Peer-Mentoring-Systeme, wie sie in den USA praktiziert werden, hilft dabei, die soziale Isolation zu verringern und die Motivation zur Weiterbildung zu steigern. Letztlich müssen Gesellschaften den Wert des lebenslangen Lernens als Grundrecht anerkennen, um den Herausforderungen einer alternden Welt mit Innovation und Würde zu begegnen.

Zusammenfassung in Thesenform

  • Lebenslanges Lernen sichert die ökonomische und soziale Teilhabe in alternden Gesellschaften.
  • Staatliche Finanzhilfen sind eine Grundvoraussetzung für den Zugang benachteiligter Gruppen zu Bildung.
  • Die Zusammenarbeit von Staat, Wirtschaft und Bildungsträgern schafft effiziente Übergänge in den Arbeitsmarkt.
  • Pädagogische Konzepte müssen Erfahrungswissen nutzen und das »Wiedererlernen« des Lernens unterstützen.
  • Die aktive Bekämpfung von Altersdiskriminierung ist für den Erfolg von Bildungsinitiativen unerlässlich.
  • Intergenerationeller Austausch baut Vorurteile ab und fördert den Wissenstransfer zwischen den Generationen.

Ähnliche Themen in dieser Kategorie

11.04.2023

Egal ob Kommunikation, Information oder Mobilität: Die Digitalisierung bietet älteren Menschen neue Möglichkeiten, an der Gesellschaft teilzuhaben und die eigene Lebensqualität sowie Selbstständigkeit zu erhalten. Mehr als 450 aktive Digital-Botschafterinnen und Digital- …

01.09.2019

Politik sollte Beschäftigung im Alter erleichtern Angesichts der raschen Bevölkerungsalterung braucht es OECD-weit dringend Reformen, die Beschäftigungsmöglichkeiten im Alter fördern. Dies ist das Ergebnis einer neuen OECD-Studie. Die Studie Working Better with Age weist …

.
Oft gelesen...
TIPP