Studie JUNGE DEUTSCHE

Studie: Wegen schwerer Belastung von Psyche und Finanzen schwindet die Zuversicht

Die junge Generation in Deutschland leidet unter der Last von vielfältigen Krisen. Die Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie hinterlassen in der Psyche der Jugend dramatische Langzeitspuren. Gleichzeitig verdüstert sich der Blick in die Zukunft unter dem Eindruck von Klimakrise, Krieg und Inflation zu einer unbequemen Gewissheit, dass die Wohlstandsjahre in Deutschland vorbei sind.

Das zeigt die aktuelle Trendstudie Jugend in Deutschland, die von Simon Schnetzer und Prof. Dr. Klaus Hurrelmann zum fünften Mal im Halbjahresabstand vorgelegt wird.

Im Datajockey Jugendbarometer geben 25% der befragten 14- bis 29-Jährigen an, mit ihrer psychischen  Gesundheit unzufrieden zu sein. Bei 16% macht sich Hilflosigkeit breit, 10% berichten gar von Suizidgedanken. Diese Werte sind seit der letzten Trendstudie vom Mai 2022 angestiegen. »Bei einer erschreckend großen Minderheit haben sich die psychischen Sorgen verfestigt und verdichtet, sodass dringende Unterstützung notwendig ist. Es ist nicht zu übersehen: Bei vielen jungen Menschen sind die Kräfte der psychischen Abwehr verbraucht, und die Risikofaktoren mehren sich. Wir werten das als ein dringendes Warnsignal«, so die Studienautoren Simon Schnetzer und Klaus Hurrelmann.

Die größten Sorgen der Jugend

Die Studie spiegelt darüber hinaus die Befürchtung der jungen Generation, dass sich in Deutschland das Ende der Wohlstandsjahre abzeichnet, weil Lebensqualität, wirtschaftliche Lage, gesellschaftlicher Zusammenhalt und politische Verhältnisse aktuell deutlich schlechter empfunden werden als noch vor sechs Monaten. Auch die Erwartung an die Zukunft fällt deutlich negativer aus. Die größten Sorgen der Jugend sind Inflation (71%), gefolgt von dem Krieg in Europa (64%) und dem Klimawandel (55%). Weitere schwierige und mit Sorgen verbundene Themen der Jugend sind die Wirtschaftskrise (54%), Knappheit von Energie (49%) und Altersarmut (43%).

Der Krieg in der Ukraine beschäftigt die junge Generation in Deutschland weiterhin stark. An der Spitze der befürchteten Auswirkungen stehen Preissteigerungen und Geldabwertung (69%) sowie steigende Energie- und Rohstoffpreise (68%) sowie die Sorge vor einer Zunahme von Flüchtlingsströmen (44%). Weitere Auswirkungen, die viele umtreiben, sind ein Leben in Angst vor Krieg (35%), Ausweitung des Kriegs auf Deutschland (28%), Junge Menschen werden als Soldat:innen eingezogen (17%) und Atomwolken über Deutschland (14%). Der Krieg in der Ukraine wird, so lässt sich diese Tendenz interpretieren, von einer Mehrheit in der jungen Generation vor allem in seinen finanziellen und wirtschaftlichen Folgen gefürchtet, während nur eine Minderheit davon ausgeht, direkt oder indirekt in das Kriegsgeschehen einbezogen zu werden. Nicht zu übersehen sind aber auch die Ängste von 7% der Befragten, wegen des Krieges fliehenoder den eigenen Wohnort verlassen zu müssen.

Bei den konkreten Auswirkungen der Inflation gaben die Befragten an, es seien vor allem die Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln (75%) sowie bei Strom und Gas (72%), welche sie finanziell belasten. Mit größerem Abstand folgen die Kosten für Mobilität/Verkehrsmittel (41%), Miete (37%) und Freizeitaktivitäten (34%). Ein Teil der Befragten lebt noch im Elternhaus und kann die Preissteigerungen aus diesem Grund mit Unterstützung der Familie abfedern. Die jungen Leute in eigener Wohnungoder eigenem Haushalt hingegen spüren die starken Belastungen viel direkter: Unter Schüler:innen geben beispielsweise 65% eine hohe Belastung durch die Teuerung von Strom und Gas an, bei Studierenden sind es 13% mehr (78%). Eine erschreckende Erkenntnis ist, dass 20% aller 14- bis 29-Jährigen angeben, Schuldenzu haben.

Unter dem Eindruck der Krisenlage verschieben sich die Erwartungen an Beruf und Arbeit sodass Geld (60%) erneut das Motivations-Ranking mit deutlichem Abstand vor Spaß (43%) und dem Erreichen von Zielen (33%) anführt. »Genug Geld ist für sich kein guter Motivator, doch es steht in Zeiten der Krisen für Sicherheit und stellt für viele die Grundvoraussetzung für Leistungsmotivation dar«, erklärt Simon Schnetzer den für Arbeitgeber und Führungskräfte herausfordernden Befund. Weitere wichtige Aspekte der Motivation junger Menschen sind die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit (22%) und Anerkennung (21%) beispielsweise in Form von positivem oder konstruktivem Feedback.

Die junge Generation in Deutschland hat nach dieser Untersuchung ein entspanntes und selbstverständliches Verhältnis zu ihrer Nation. Fernab von jedem Nationalismus hat sich eine Haltung der Anerkennung und des Stolzes etabliert. Bemerkenswert ist auch die starke Identifizierung mit Europa, die im Laufe der letzten Jahre spürbar angestiegen ist.

Hintergrund
Die Trendstudie »Jugend in Deutschland«, erscheint in halbjährlicher Folge und basiert auf einer repräsentativen Online-Befragung der deutschsprachigen Bevölkerung im Alter von 14 bis 29 Jahren.

Ergänzend zu der empirischen Erhebung führen die Autoren Gruppeninterviews zu Trendthemen im Rahmen sogenannter Trendtalks durch. Die Studien bauen aufeinander auf, folgen der gleichen Methodik und sind direkt miteinander vergleichbar. Einige der Fragen aus den zurückliegenden Erhebungen wurden wiederholt, andere wurden neu aufgenommen. Hierdurch ist es möglich nachzuvollziehen, wie die 14 bis 29 Jahre alten Angehörigen der jungen Generation auf politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ereignisse im Zeitverlauf reagieren und mit den Herausforderungen für die weitere Lebensplanung umgehen. Insgesamt wurden für die Studie 1.027 junge Menschen befragt. Die Quotierungen für die Repräsentativität wurden vom Institut für Demoskopie Allensbach erstellt. Die Befragung wurde vom 04. bis 21. Oktober 2022 von Bilendi Respondi durchgeführt.

Inhaltlich und methodisch werden die Studien von dem Jugendforscher Simon Schnetzer geleitet und in Kooperation mit Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Hurrelmann (Hertie School Berlin) als wissenschaftlicher Berater und Co-Autor veröffentlicht. An der aktuellen Studie arbeitete auch Kilian Hampel, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Konstanz, mit.


  VERWEISE  


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